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Armut

"Was wir haben, reicht zum Leben"

23.08.2009 | 13:46 Uhr
"Was wir haben, reicht zum Leben"

Castrop-Rauxel. Frau S. ist allein erziehend und ernährt ihre Familie mit 600 Euro im Monat. Aber arm sei anders, sagt sie im Interview: "Was wir haben, reicht zum Leben." Ein Gespräch darüber, was Reichtum bedeutet - und was wirkliche Armut.

Jedes vierte Kind in NRW gilt als arm: das ist das Fazit des „Sozialbericht NRW” aus dem Jahr 2007. Inzwischen hat sich die Lage nicht gebessert, die Awo schätzt, dass von landesweit 3,3 Millionen Kindern und Jugendlichen 800 000 in Armut leben.

Soweit die Fakten. Fragen wir einmal bei denen nach, die wir als „arm” bezeichnen würden: Wir trafen Frau S. in der Warteschlange der „Castroper Tafel” in Ickern. Frau S. ist allein erziehend und hat zwei Kinder, fünf und zweieinhalb Jahre alt. Mit der Geburt ihres ersten Kindes hörte sie auf zu arbeiten. Seit der Vater ihrer Kinder seinen Führerschein verlor und infolgedessen arbeitslos wurde, lebt die Familie von Sozialhilfe.

Würden Sie sich als „arm” bezeichnen? Wieviel haben Sie im Monat zur Verfügung?

Info
Lebensmittel für zwei Euro

Seit drei Jahren gibt es eine Zweigstelle der Castroper Tafel auch in Ickern, an der wir Frau S. getroffen haben. Immer mehr junge Familien kommen dorthin, um für zwei Euro pro Erwachsener Lebensmittel kaufen zu können. Die Waren haben vor allem Geschäftsleute und Supermärkte gespendet. „Vor drei Jahren haben wir 23 Familien betreut", sagt Helmut Heider, der die Ausgabe hinter der St. Barbara-Kirche zusammen mit Günter Bojak ehrenamtlich organisiert. Inzwischen haben 57 Familien den rosa Ausweis beantragt, der zum Einkauf in der Ickerner Filiale berechtigt. Es kommen viele allein Lebende, es gibt aber auch eine Familie mit sieben Kindern.

„Viele mussten erst eine Hemmschwelle überwinden, um hierher zu kommen", sagt Heider. „Es heißt schon etwas, wenn man hierher kommt." Zusätzlich lockt die benachbarte Kleiderkammer, die ebenfalls die Caritas organisiert, Leute an.

Arm ist für mich etwas anderes. Ich habe zwei gesunde Kinder, eine Wohnung und ein Haustier. Was wir haben, reicht zum Leben. Schlimmer war es, als ich noch Schulden abzahlen musste. Ich habe 600 Euro im Monat zur Verfügung, ohne Miete und Strom. Davon muss ich auch das Essensgeld für den Kindergarten und Telefon bezahlen.

Arm und reich – was bedeutet das eigentlich für Sie?

Reich hieße für mich, dass ich mir keine Sorgen mehr machen müsste. Arm wäre ich, wenn ich ein krankes Kind hätte.

Wo gehen Sie einkaufen? Wissen Sie, was ein Liter Milch kostet?

Ein Liter Milch kostet 47 Cent. Da gucke ich ganz genau. Ich kaufe bei der Tafel ein, gucke, was ich dort bekomme. Den Rest kaufe ich dazu. Das A und O sind die Reklameheftchen. Ich fahre dann mit dem Roller zum Beispiel zum Lidl, dann kann man 30, 40 Cent sparen. Kleidung kaufe ich gebraucht. Es fehlt uns nicht an alltäglichen Dingen. Aber so kann ich ein bisschen was zur Seite legen, und mal mit den Kindern einen Ausflug machen.

Was machen Sie in ihrer Freizeit?

Ich habe einen Garten, da sind wir oft. Oder wir gehen an der Emscher spazieren. Meine Freundin hat außerdem ein Pony, dorthin gehe ich einmal pro Woche, um zu reiten. Und wir haben auf eine Playstation gespart. Singstar machen wir, wenn es draußen regnet.

Wann waren Sie zuletzt im Urlaub? Und wo?

Ich war zu einer Mutter-Kind-Kur. Die hat meine Familienhelferin bei der Caritas beantragt, das war toll. Wie ein kleiner Urlaub. Unser Ferienhöhepunkt wird eine Fahrt ins Legoland. Mein letzter richtiger Urlaub ist 25 Jahre her.

Wann sind Sie zum letzten Mal Bus gefahren?

Vor kurzem, bei schlechtem Wetter können wir nicht Roller fahren. Aber das ist wirklich sehr teuer.

Was tun Sie für ihre Gesundheit?

Vor der Kur habe ich nichts für mich getan. Inzwischen habe ich meiner Ernährung umgestellt. Ich denke, ich bin auf dem richtigen Weg.

Wann haben Sie sich zuletzt einen Wunsch erfüllt? Welchen?

Oh. Ich wüsste wirklich keinen. Wenn ich eine neue Hose brauche, warte ich bis zum 1. des Monats. Aber das ist ja kein richtiger Wunsch.

Wo stehen Sie in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass ich wieder arbeite und meinen Kindern ein bisschen mehr bieten kann. Und ich hoffe, dass wir dann in den Urlaub fahren können, alle Mann, mitsamt Papa.

Susanne Schild

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Kommentare
22.09.2009
13:52
Was wir haben, reicht zum Leben
von G.Schmidt | #29

Viele vergessen das HartzIV ein Makel ist der in unserer Gesellschaft immer bedrohliche Ausmasse nimmt. Gestern erst wieder gesehen,alte Frau mit Pantoffeln knöselig und Plastiktaschen,sich in jede Abfalltonne rein beugend,was ist aus unseren Staat geworden? Wer ist hier noch rein Deutsch?Die Migranten kennen Ihre Rechte auf Stütze besser als die Einheimischen,bessere Aufklärung auch in Bezug von Altersarmut so geht es nicht weiter.Wen sollen wir wählen?

27.08.2009
12:28
Was wir haben, reicht zum Leben
von schnapper2 | #28

Ich denke hier wird anschaulich geschildert, wie man durchaus angenehm mit H4 durchs Leben kommen kann! Scheinbar hat sich die Dame gut darauf eingestellt und jammert nicht großartig rum - wieso auch, denn dazu gibts keinen Grund! Wer mehr haben will (Stichwort Markenklamotten, Urlaub, schickes Auto) muss seinen Hintern bewegen und Arbeit suchen! Wer sich dauerhaft auf H4 einrichtet muss weitere Anreize von der ARGE erhalten, aus eigenem Antrieb etwas an seiner Situation u ändern!

27.08.2009
11:52
Was wir haben, reicht zum Leben
von krüwalda | #27

Interessant wie sich der Armutsbegriff im Laufe der Zeit ändert. Die Entsolidarisierung der Gesellschaft scheint sich fortzusetzten. Neid und Gier sind nach dem Crash offensichtlich nicht geringer geworden, eher das Gegenteil. Armes Deutschland, wo du dich doch so reich schimpfst.

24.08.2009
11:29
Was wir haben, reicht zum Leben
von brandubh | #26

Alleinerziehend mit Papa! Toll!

Die Dame ist wahrscheinlich extra erfunden worden, um die Armut in Deutschland zu bagatellisieren.

Schließlich muss die WAZ-Gruppe alles tun, um von den Fehlleistungen der SPD-Reformen abzulenkn.

24.08.2009
11:24
Was wir haben, reicht zum Leben
von brandubh | #25

@Leser
Ein vierstelliger Betrag an Lohnsteuer?
Dann muss der Mann aber gut verdienen.

Als Verheirateter muss man in der Familie mindestens 5250 Euro pro Monat verdienen, um eine vierstellige Lohnsteuer zu zahlen.

Und als Alleinstehender in Steuerklasse 1 sind es mindestens 4000 Euro pro Monat.

Die Höhe der Lohnsteuer wird eh immer überschätzt.
Eine Familiervater mit 3000 Euro pro Monat
zahlt nicht einmal 300 Euro Lohnsteuer. Er zahlt also weniger als 10% Lohnsteuer.

Die meisten schauen gar nicht so richtig auf ihren Lohnzettel sondern setzen in Foren und Leserbriefen ihre Halbwahrheiten ab.

24.08.2009
09:14
Was wir haben, reicht zum Leben
von parteienlos | #24

super, die leute die wenig verdienen prügeln auf die, die keine arbeit haben und vom staat durchgefüttert (ruhig gehalten) werden.

wenn die neider und nörgler mut hätten würden sie für mehr (einkommen) kämpfen.

aber es sind eben memmen ohne perspektive.

von einem job sollte eine ganze familie anständig (ohnen probleme) leben können.

aber lasst euch mal weiter ausbeuten.

erst das fressen (ich), dann die moral.

24.08.2009
08:03
Was wir haben, reicht zum Leben
von B. Schmitz | #23

Super. 600,00 € zur freien Verfügung. Essen vo der Tafel, Miete und Strom frei. Haustier kostet auch Geld. Führerschein kann er ja nur wegen Alkohol oder zu schnellem Fahren verloren haben. Nach dem ersten Kind aufgehört zu arbeiten. Wenn der Mann zu Hause ist, kann sie es ja mal mit arbeiten versuchen. Aber warum, so lebt es sich doch gut. Vater Staat zahlt ja.

23.08.2009
22:50
Was wir haben, reicht zum Leben
von kriesenmanager | #22

oben moppern wieder die die sich ausgebeutet fühlen.

-wir haben was zum überleben reicht-

ich lese zwei bemerkenswerte aspekte in dem artikel.
die frau hat nach der kur die ernährung umgestellt und ist ihre schulden los.
die hat ihr verhalten verändert und gezeigt das sie lernwillig ist.
wenn sie jetzt noch anstatt des rollers (ein roller ist definitiv ein armutszeugnis) gegen ein fahrrad tauscht hat sie doppelt gewonnen. ökonomisch und körperlich.
da ist noch viel potential was genutzt werden kann.
nur mut dann gibt es auch wieder eine perspektive.

für solche leute zahl ich gerne steuern, auch wenn ich die konjunkturflaute schon lange merke.

die nörgler von oben sind da sicher eher beratungsresistent.

23.08.2009
22:11
Was wir haben, reicht zum Leben
von Rike57 | #21

Ich schreibe dazu nur,

Kinder können grausam sein.

Trägt ein Kind eine falsche Marke, oder gar keine, wird es ausgegrenzt.

Kinder können schließlich nichts für den Geldbeutel der Eltern!!!

Die Ausgrenzung liegt aber in der Gesellschaft.
Wie die Eltern so die Kinder!!!

Außerdem ist Ihre Rechnung falsch.Bei HatzIV, gibt es weder Zuschüsse noch Vergütungen.
Sogar das Kindergeld wird der Familie, als Einkommen, voll angerechnet und abgezogen.

Glück auf!!!

23.08.2009
22:08
Was wir haben, reicht zum Leben
von mikado. | #20

Endlich mal jemand, der nicht nur rumheult. Wieviele Menschen in Deutschland sind denn schon an Hartz4 gestorben? Ich kenne Hartz4-Empfänger und -Familien, und denen geht es gut. Natürlich fahren die nicht jedes Jahr in den Urlaub, fahren kein neues schickes Auto und gehen auch nicht schick Essen. Ich kenne aber auch Arbeiterfamilien, bei denen sieht es auch nicht anders aus.

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