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Unverkennbar Kratz

12.08.2010 | 18:16 Uhr
Unverkennbar Kratz
Die Ev. Johanneskirche in Castrop-Rauxel-Schwerin macht aufmerksam auf den Bildhauer Max Kratz, der verschiedene Arbeiten zum Gelingen des ganzen Bauwerkes aus den 60-er Jahren beigetragen hat Darüber hinaus werden in einer kleinen Fotoausstellung Klaus-Michael Lehmanns Bilder aus Castrop-Rauxel gezeigt, die in dieser Zeit entstanden sind. Foto: Joseph-W. Reutter / WAZ FotoPool

Castrop-Rauxel.Der Bildhauer Max Kratz schuf für Kirchen bedeutende Kunstschätze. Zwei Gemeinden legen den Fokus auf sein sakrales Werk.

Die evangelische Johanneskirche auf Schwerin und die Pauluskirche in Rauxel entstanden in den 60er Jahren zu den Boomzeiten des Kirchenbaus im Revier. Sie sind zwar keine reinen Zweckbauten, aber eben auch keine glorreichen himmelhochstrebenden Bauwerke. Mit gotischen Verzückungsbögen und barockem Gold-Bombast können sie nicht locken – und doch bieten sie dem aufmerksamen Besucher etwas, das er nicht überall und vor allem nicht in dieser Qualität findet: sakrale Kunst des arrivierten Bildhauers Max Kratz (1921-2000).

Am Anfang standen Dinge, die ganz profan daher kommen: „Es darf nicht viel kosten und es muss passen“, schmunzelt Pfarrer Arnd Röbbelen vom Kirchenkreis Herne/Castrop-Rauxel. Bindeglied sollte das Kulturhauptstadtjahr 2010 sein – und die Gedanken hierzu konnten gut reifen. Pfarrer Ekkehart Woykos, Kulturbeauftragter des Kirchenkreises, hatte die Zugangsidee: „Wir präsentieren drei Kirchen, die bedeutende Kunstschätze in Form von Altarbildern, Kanzeln, Kerzenleuchtern oder Taufbecken beherbergen und laden im Jahr der Kulturhauptstadt dazu ein, diese Werke von Kratz neu zu entdecken.“ Kratz-Kunst findet sich u.a. in der Johanneskirche, der Pauluskirche und der Auferstehungskirche in Herne West. Dass die Wahl auf Kirchen fiel, die in Zuzugs-Boomzeiten gebaut wurden, kam außerdem nicht von ungefähr. Röbbelen: „Diese Kirchen sind ruhrgebietstypisch.“ Und sagt einen wichtigen Satz: „Sie sind mehr als sie zu sein scheinen.“

Kommen also für den Betrachter eher schlicht daher, ersetzten sie doch die Notkirchen, die nach dem Krieg gebaut wurden. Woykos: „Die aufstrebende Region benötigte nicht nur Wohnraum für die wachsende Bevölkerung, sondern auch Gottesdienstraum für die Christen des Reviers.“ Zahlen machen dies deutlich. So wuchs die Gesamt-Bevölkerung Castrop-Rauxels zwischen 1945 und 1960 von 56 750 auf 88 000 an, die der evangelischen Christen zwischen 1950 und 1960 von 31 800 auf 42 000. In der Folge wurden neue Gemeinden wie Schwerin, Frohlinde und Rauxel gegründet – und Gotteshäuser gebaut. Und diese Kirchengebäude sollten mit ihrer äußeren Form symbolhaft „Dinge des Glaubens transportieren“. Typisch dafür ist die Zeltkirchenform der Johanneskirche (Architekt Kölsche), weiß Woykos, und spricht in diesem Zusammenhang vom „Gedanken des wandernden Gottesvolkes“. Aber eben auch die künstlerische Ausgestaltung gehört zu diesen Gedankengängen, die vom Künstler Max Kratz in eindrucksvoller Form mit den Materialien Bronze, Beton, Naturstein und Emaille geschaffen wurde.

In der Johanneskirche hat Kratz übrigens seine erste sa-krale Arbeit gefertigt (Werke von ihm finden sich in 85 deutschen Städten). Das war im Jahr 1960. Seitdem befindet sich neben weiterer Sakral-Kunst eine Christusfigur – großformatig und raumgreifend – an der Altarwand. Dieser Christus wird als ein segnender dargestellt, wobei sein Korpus nicht am Kreuz hängt. Vielmehr erscheint er schwebend und um ihn herum strahlen Sonnen. Das Leiden des Erlösers ist hier einmal nicht ins Zentrum gerückt. Vielmehr geht von der Skulptur eine Leichtigkeit aus. Schwermut und Bedrückung sind hier nicht zu finden, was wiederum den Vorteil hat, dass „kein Besucher verängstigt flieht“, wie Fotograf Klaus Michael Lehmann weiß, der mit einer Wander-Fotoausstellung parallel zur Kratzschen Werkschau in allen drei Kirchen vertreten ist.

Klaus-Michael Lehmann zeigt aus seiner Sammlung Schwarz-Weiß-Bilder des Castrop-Rauxeler Alltagslebens der 50er und 60er Jahre - „es war schon sehr anders“ -, und er kannte den Künstler noch persönlich. „Kratz war ein stiller, bescheidener Mann, interessant und sympathisch.“

Die Lehmannschen Fotodokumentationen (Kriegsfolgen, Straßenbahnszenen, Schützenumzug, Wochenmarkt, Zechen) und die Sakral-Kunst bieten dem Betrachter die Möglichkeit, sich an die Zeiten des Aufbruchs zu erinnern und die Kratz-Werke neu zu entdecken.

Seine letzte Großplastik schuf der Düsseldorfer Meister in Castrop-Rauxel in der Pauluskirche. Das war 1991: die Figur des Apostel Paulus. Ein weiteres Kleinod findet sich ebenfalls dort: die Abendmahlszenerie aus Beton. Woykos zu der Plastik, die damals für viele Diskussionen sorgte: „Dies ist wohl die erste sakrale Betonplastik.“ Und warum aus dem Allerwelt-Werkstoff Beton? „Nun“, sagt Woykos, „die Gemeinde hatte kein Geld für Bronze.“

Gerhard Römhild

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