Stillgestellt und abgefrühstückt
07.10.2010 | 19:02 Uhr 2010-10-07T19:02:00+0200
Castrop-Rauxel. Büchners dramatisches Fragment „Woyzeck“ kommt auf die Bühne des WLT.
Günter Wohlfarth ist Kaufmännischer Direktor des Westfälischen Landestheaters und es liegt in der Natur der Sache, dass er strahlt, wenn die Theatermaschine gut geölt läuft. Wohlfarth hat derzeit allen Grund, zufrieden zu sein, sprengt doch der Büchner-Klassiker „Woyzeck“ alle Erwartungen: „Es gibt in dieser Spielzeit 32 Aufführungen, das ist der absolute Verkaufsrenner.“
Gut, der bewährte Stoff ist verpflichtend für Schulen und Klassen in der Abiturvorbereitung, für die Abiturientia der Abschlussjahrgänge 2011, 2012 und 2013. Und wer als Schüler die Chance erhält, passend zur Lektüre mit Kopfkinoerfahrung den theatralischen Rausch auf der Bühne zu erleben, der greift denn auch gerne zu - was natürlich eine hohe Besucherfrequenz verspricht.
Gleichwohl ist der „Woyzeck“ aber auch nicht irgendein Stück, sondern eines der meistgespielten und einflussreichsten Dramen der Theaterliteratur. Regisseur Thilo Voggenreiter. „Es ist eines der seltenen Stücke, bei dem man den Eindruck hat, dass es, je weiter die Geschichte voranschreitet, immer aktueller wird.“ Dieser quasi zeitlose Bezug und der fragmentarische Charakter des Stücks bieten dem Regisseur natürlich einen großen Spielraum zur Interpretation. „Woyzeck“ ist damit ein echtes Fressen für den kreativen Theatermann.
Voggenreiter: „Der Text hat immer noch große Sprengkraft, er verstört nach wie vor und lässt viele Bedeutungen zu.“ Trotz all dieser möglichen Offenheit in der Inszenierung wird „Woyzeck“ denn auch äußerst gerne als Opfer in einer Welt voller Täter dargestellt. Doch Voggenreiter geht einen ganz anderen Weg. „Was den ,Woyzeck’ wohl wirklich umgetrieben hat, ist die tiefsitzende Verzweiflung über diese Welt, die Angst vor der Leere, die Sinnlosigkeit des Daseins.“
Und auch die vermeintlich Starken, der Doktor und der Hauptmann, sind letztlich Angsthasen, die keinen Halt finden, die sich in Wissenschaft und Ordnungen nur flüchten, um sich an diesen Strukturen fest zu klammern.
Ja, und der „Woyzeck“ nun bringt dieses System ins Wanken, stellt es gar in Frage. Und da reagiert die Macht, die die Wirklichkeit definiert, ganz gern äußerst empfindlich. Für Woyzeck wird’s alsbald unerträglich. Dieser Prototyp des erniedrigten Individuums in einer von Willkür geprägten Gesellschaft hält den nun folgenden Druck nicht aus. Voggenreiter: „Da öffnet sich das Ventil und alles muss raus.“
Allerdings wendet sich Woyzeck nicht gegen die Hierarchien, die ihn aufs Übelste malträtieren, sondern gegen den Schwächsten, gegen Marie - und bringt sie um. „Das ist nun wirklich sehr aktuell“, sagt Voggenreiter und nennt die alles entscheidende Frage, die ihn bei der Bearbeitung des Stücks getrieben hat: „Wieviel Druck ertragen Menschen, bevor sie los schlagen?“
Premiere: 16. Oktober, 20 Uhr, weitere Aufführungen: 10. November, 9.30 und 14 Uhr; 11. November, 9.30 und 14 Uhr (Ort: Stadthalle).
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