Sparschwein im Anmarsch
08.02.2012 | 18:54 Uhr 2012-02-08T18:54:00+0100
Castrop-Rauxel.Der Sanierungsplan wird fortgeschrieben. Nach der Sitzung der externen Lenkungsgruppe stellte Bürgermeister Johannes Beisenherz erste Sparfelder vor, die nun auf ihre Tauglichkeit geprüft werden.
So viel vorab: Konkrete Einsparzahlen oder eine Sparliste gibt’s noch nicht. Vielmehr wurde unter Hilfestellung der Gemeindeprüfungsanstalt in der zweiten Sitzung der externen Lenkungsgruppe, die am Dienstag Abend zum Haushaltssanierungsplan im Rathaus tagte, mit dem Benennen von Prüf-Schwerpunkten „ein erster Aufschlag gemacht“, so Bürgermeister Johannes Beisenherz. Erste Zahlen würden dann in drei Wochen in der nächsten Sitzung vorliegen.
Der Verwaltungschef lobte die „sehr gute Atmosphäre“, von einer depressiven Stimmung könne trotz des Ernstes der Situation keine Rede gewesen sein. „Die Botschaft ist angekommen. Alle arbeiten sehr realistisch mit allem Ernst am Thema.“ Dies zeige auch die Intensivität der Aussprache. So habe man „über vier Stunden an einem Streifen“ zusammen gesessen. Wobei schlussendlich klar geworden sei, dass trotz aller Sparbemühungen am Ende wohl „eine strukturelle Lücke“ bleiben wird, das volle Sparziel also nicht erreicht werden kann.
Dies werde jedoch - vorausgesetzt die Sparbemühungen setzen sich in aller Konsequenz fort, wovon Beisenherz fest ausgeht -, keinesfalls zu einer Rückzahlung der jährlich 12,9 Millionen Landesmittel führen. „Wenn wir alles umgedreht haben, wird niemand sagen: Ihr habt das Ziel nicht erreicht.“ Weiterführende Lösungen könnten dann beispielsweise in Form einer möglichen Zeitverlängerung der Haushaltskonsolidierung angeboten werden.
Vor allem Bereiche der interkommunalen Zusammenarbeit der sechs Stärkungspakt-Städte in Verbindung mit dem Kreis standen zur Debatte. Wobei insbesondere hier der Abstimmungsbedarf zu ermitteln war, um nicht Themenfelder doppelt zu beackern, die schon von der seit zwei Jahren tagenden Finanzkommission tangiert werden.
So sollen die Strukturen bei den hauptamtlichen Kräften des Feuerwehrwesens und des Rettungsdienstes durch ein externes Gutachten betrachtet werden. Das noch zu bauende Feuerwehrgerätehaus Henrichenburg sei hiervon allerdings nicht betroffen. Weiterhin analysiert wurden Punkte wie die Wirtschaftsförderung. Braucht der Kreis eine eigene? Oder sollen alle am Kreis konzentriert werden?
Im Fokus auch: die Frage einer möglichen Bündelung von Informationstechnologien (IT) und Gemeinsame Kommunale Datenzentrale (GKD). Schwierige Felder sind die Offene Ganztagsgrundschule (OGS) und die U-3-Betreuung. Hier könne man die Betreuung zurückführen (40 Prozent geschafft, vorgeschrieben sind nur 25 Prozent), dort das Tempo drosseln (bis 2013 müssen 32 Prozent erreicht sein, mit derzeit 26 Prozent steht Castrop-Rauxel ziemlich gut da).
Allesamt Prüffelder, wo „die Politik sagen muss, ob wir es wollen oder nicht“. Ebenfalls auf der Prüfliste: die Kosten der Verwaltung bei den Jugendämtern. Hier könnte bei den Standards mit einem Benchmarksystem im Vergleich zu den anderen Städten unter der Prämisse - Geht es sparsamer? - gehandelt werden. Und auch der Personalbedarf im Bereich Wohngeld und Hilfen zur Pflege steht zur Prüfung an.
Bei der Unterhaltung der Sporthallen und Plätze sollte die Frage „Wie machen es die anderen“ im Vordergrund stehen. Immerhin sei Castrop-Rauxel eine der wenigen Städte, die ihre Hallen noch kostenfrei zur Verfügung stellt. „Die Frage der Übertragung an die Vereine stellt sich dann“, so Beisenherz, der Beispiele nennt wie SV Dingen und „so ein interessantes Modell wie in Frohlinde“.
Weitere Verwaltungsvorschläge: Jeki-Ausstieg, VHS-Zuschuss reduzieren, Bäderangebot überprüfen, Gebühren für die Nutzung städtischer Gebäude und Räume erheben, Konzentration städtischer Stellen im Rathaus - beispielsweise Wirtschaftsförderung und Immobilienmanagement; erhöhter Einsatz des Radarwagens, stärkere Überwachung des ruhenden Verkehrs.
Ob’s langt - wohl kaum. Beisenherz realistisch: „Ein erster Aufschlag, das wird noch lange nicht reichen.“
Noch vor Ostern soll eine Bürgerversammlung zum Thema Haushalt/Sparen stattfinden. Dann werden alle Stellschrauben zum Drehen vorgestellt. Das nächste Treffen der externen Lenkungsgruppe findet in drei Wochen statt, die interne Lenkungsgruppe trifft sich jede Woche.
20:24
Ach ja, so ist das eben im Bereich der Öffentlichen Hand und der Politik: Während bei einem Privatunternehmen der Insolvenzverwalter die Einstellung des Geschäftsbetriebes befielt und dort sofort die Lichter ausgehen, gönnen sich unsere Kommunalpolitiker erst einmal ausgiebige Diskussionsrunden.
In diesem Augenblick entstehen auf Castrop-Rauxeler Fußballplätzen Aufwendungen für Warmwasser (Duschen), Heizung und Strom. Es handelt sich dabei um eine freiwillige Aufgabe der Stadt, warum wird hier der Betrieb nicht sofort eingestellt?
Ebenso hat das Hallenbad am heutigen Tage noch geöffnet und produziert erheblichen Aufwand, gefolgt von den Jugendzentren und der Stadt- und Europahalle. Die Stadtbibliothek hat weiter geöffnet, ebenso laufen die Kurse an der VHS weiter.
Wenn ich als Bürger am heutigen Tage das Leistungsangebot meiner Stadt betrachte, merke ich von der bestehenden Überschuldung überhaupt nichts. Jetzt könnte man der Politik ja ein Einser-Zeugnis ausstellen ganz nach dem Motto „Das finanzielle Disaster ist zwar da, es wirkt sich wegen kluger Politik aber überhaupt nicht aus.“
Quatsch! Schauen wir doch nur nach Griechenland, die Hellenen haben auch geglaubt sie könnten die Welt an der Nase herumführen. Und jetzt kracht ein ganzer Staat zusammen.
Es ist nicht mehr die Zeit für Gutachten – und dann auch noch teure externe! – und langwierige Diskussionen. Es ist die Zeit der sofortigen Leistungseinstellungen und Schließungen kommunaler Einrichtungen.
Kann sich eigentlich irgendjemand vorstellen, was die Zusammenlegung Castrop-Rauxeler Dienststellen mit denen anderer Städte an Vorlaufzeit benötigt? Das ist ein 10-Jahres-Pojekt! Wenn erst einmal alle mitreden, die an einem solchen Diskussionsprozess zu beteiligen sind, dann „Gute Nacht!“: Personalrat, Datenschutzbeauftragter, Gleichstellungsbeauftragter, Integrationsbeauftragter, Vertrauensperson der Schwerbehinderten – und dann ist da ja noch die Politik mit den jeweiligen Fraktionen in mehreren Städten.
Jetzt ist auch unsere grundsätzliche Einstellung zum kommunalen Handeln zu überdenken und hierzu passt auch die Aussage von BM Beisenherz „es herrsche keine depressive Stimmung“. Richtig so! War in der Vergangenheit die Eröffnung einer städtischen Einrichtung ein freudiges Ereignis, so sollte das künftig für deren Schließung gelten. Warum sollte man nicht einmal die Schließung des Hallenbades fröhlich feiern? In dem guten Wissen, sich damit eines riesigen Kostenfaktors entledigt zu haben.