Sie gehen den Uhr-Sachen auf den Grund
22.05.2012 | 19:01 Uhr 2012-05-22T19:01:00+0200
Castrop-Rauxel. In dieser Uhr steckt sehr, sehr viel Zeit. Insgesamt 500 Arbeitsstunden, wie Horst Tyczkowski verrät.
Er ist Uhrmachermeister. Mehr noch: Er ist ein echter Experte auf seinem Gebiet, verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz. In seiner Werkstatt in Dingen restauriert der 72-Jährige historische Uhren. Oder aber er baut sie nach. So wie jene Präzisionspendeluhr, dem historischen Vorbild nachempfunden.
„Es handelt sich dabei um einen Prototypen“, erklärt der Castrop-Rauxeler, der an diesem Tag nicht allein in seiner Werkstatt steht. Fünf Kollegen, alle genau wie er Mitglieder im „Fachkreis Historische Uhren Schloss Raesfeld“, sind bei ihm zu Besuch – angereist aus ganz Deutschland. Und sie haben sich Großes vorgenommen: Jeder fertigt eine Präzisionspendeluhr, eine ortsfeste Räderuhr, gebaut für Zeitdienstzwecke und astronomische Beobachtungen. „Wir haben uns das im Jahr 2010 vorgenommen“, schmunzelt Horst Tyczkowski. „Deshalb sind wir jetzt hier zusammen gekommen, wir werden drei Tage an unseren Uhren arbeiten.“
Dazu fertigten die sechs Fachmänner zunächst die Einzelteile: Zahnräder, Platinen, Brücken und Werkpfeiler. Danach widmeten sie sich ganz und gar der Arbeit an der Uhr, jener Prototyp diente dabei als Vorlage. „Dadurch dass jeder eines der Einzelteile gefertigt hat“, betonte Bernhard Schmelzer aus Duisburg, „haben wir das Herz der Uhr gemeinsam gebaut.“ Es sei eine tolle Zusammenarbeit.
Doch ob die Uhren am Ende fertig werden? „Ich glaube eher nicht“, schmunzelt Tyczkowski, der mit Leib und Seele Uhrmachermeister ist. 1954 begann er seine Lehre, schloss diese drei Jahre später ab. 1963 absolvierte er schließlich seine Meisterprüfung und machte sich selbstständig. „Ich hatte zunächst eine Werkstatt in Datteln“, erzählt er. 1984 kehrte der gebürtige Castrop-Rauxeler aber dann wieder zurück in die Europastadt. Bis 2000 betrieb er in Dingen seine Werkstatt, mittlerweile befindet er sich im Ruhestand – nun ja, nicht so ganz. Noch immer restauriert er leidenschaftlich gerne historische Uhren, und das nicht nur hierzulande: Regelmäßig nämlich fahren die Mitglieder des Fachkreises nach St. Petersburg. Im „russischen Versailles“, im Museum Schloss Peterhof, warten und reparieren sie die historischen Zeitmesser der Zaren.
„Wir möchten das Kulturgut Uhr erhalten“, betont Horst Tyczkowski. Und das sei eine ebenso besondere wie faszinierende Aufgabe, die zum einen Fingerspitzengefühl und ein gutes Auge erfordere, zum anderen aber vor allem auch technisches Verständnis.
„Eine Uhr“, sagt der Castrop-Rauxeler, habe eine Seele, entsprechend sei sie zu behandeln. „Ich finde es schön, in der Lage zu sein, sie nachzubauen oder sie zu reparieren“, ergänzt er. „Ich kann somit etwas, was nicht jeder kann.“ Das Handwerk ist somit ein Stück weit Kunst, Philosophie und Wissenschaft. „Für mich ist das mehr als nur ein Beruf.“
Um so mehr bedauern Horst Tyczkowski und seine Kollegen, dass es immer weniger Uhrmachermeister gibt. „Man kann es schon, bedingt durch die Industriefertigungen, als aussterbendes Handwerk bezeichnen“, sagen sie und widmen sich sogleich wieder ihrer Arbeit. Denn: Die Zeit läuft, der Sekundenzeiger tickt erbarmungslos– die Präzisionspendeluhr sollte fertig werden.
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