Das aktuelle Wetter Castrop-Rauxel 14°C
Ein langer Kampf

Schicksalsgeschichte führte nach Castrop-Rauxel

30.12.2015 | 16:53 Uhr
Admira Osmanovic mit Töchterchen Semra ist dankbar für die Unterstützung von Denisa Huskic und Catrin Arends (v.l.). Jens Arends unterstützt das Engagement seiner Frau.
Admira Osmanovic mit Töchterchen Semra ist dankbar für die Unterstützung von Denisa Huskic und Catrin Arends (v.l.). Jens Arends unterstützt das Engagement seiner Frau.Foto: Schlehenkamp

Castrop-Rauxel.  Das Thema Flucht hat ganz Deutschland in diesem Jahr begleitet. Viele Menschen haben Angst. Viele Menschen sind gekommen. Viele Menschen brauchen Hilfe. Und viele helfen. Auch in Castrop-Rauxel gibt es viele Ehrenamtliche. Wir haben uns mit Helfern und einer Familie getroffen, die von einem langen Weg erzählen.

Flüchtlinge erster Klasse, zweiter Klasse oder ganz hinten am Ende der Welle der Hilfsbereitschaft? Stellt sich diese Frage wirklich, wenn es darum geht, Menschen Unterstützung angedeihen zu lassen, die aus purer Not eine Perspektive bei uns suchen, damit sie und ihre Kinder eine Chance haben, auf ein Leben in Freiheit, für das sie hart arbeiten wollen? Fragen, die für Catrin Arends keine sind.

Die 38-Jährige, die im Sommer dieses Jahres zur Flüchtlingshilfe gestoßen ist, dem im Aufbau befindlichen Verein, sind die Flüchtlinge vom Balkan eine Herzensangelegenheit. "Sie akzeptieren, dass wir vielleicht auch was nicht hinkriegen, um das sie uns gebeten haben," sagt die zweifache Mutter aus Obercastrop, die 25 bis 30 Stunden in der Woche ehrenamtlich im Einsatz ist. Vor allem an der Vördestraße in Rauxel, wo die Frau mit den signifikanten roten Haaren sich um die Menschen kümmert, die in den elf von der LEG zur Verfügung gestellten Wohnungen untergekommen sind.

"Einfach ist es nicht, manchmal habe ich mir schon überlegt, ob ich nicht einen Tisch und zwei Klappstühle in unser großes Auto stellen und Sprechstunden abhalten soll", erklärt Arends. Sie darf nämlich offiziell nicht rein in die Flüchtlings-Wohnungen. Die Stadt als Mieterin der LEG übt ihr Hausrecht aus. Um zu verhindern, dass es ein Chaos gibt, wie Stadtsprecherin Maresa Hilleringmann erklärt.

Weil es so viele Menschen gebe, die helfen wollten, und die Situation eskalieren könne angesichts der vielen Unterkünfte bei uns mit mehr als 1100 Flüchtlingen und Sozialneid. Neidsituationen unter den Flüchtlingen. Für manche Menschen, die helfen wollen, wirkt das wie eine Ohrfeige. Auch in den beiden Gruppen "Refugees welcome to Castrop-Rauxel" und der Flüchtlingshilfe, beide Gruppen, sind übers Internet entstanden, haben zusammen mittlerweile über 1700 Mitglieder.

Und leisten mit ihrem ehrenamtlichen Engagement, den Flüchtlingen bei der Bewältigung des Alltags zu helfen, einen unverzichtbaren Dienst in unserer Stadt. Wie das von der Logistik besser hinzukriegen ist, soll in einem gemeinsamen Workshop im neuen Jahr besprochen werden, hat Bürgermeister Rajko Kravanja in einem Gespräch mit unserer Redaktion versichert.

Für Admira Osmanovic, eine der Flüchtlings-Frauen, für die sich Catrin Arends einsetzt, ist der Ausgang ungewiss. Admira stammt aus Bosnien. Sie ist knapp 22 Jahre alt, ihre Tochter anderthalb Jahre. Jetzt geht es ihnen besser, seit sie eine kleine Wohnung haben. Ihr Mann hat einen Job in Herne, als Lagerarbeiter. Sie sind zwei Mal geflohen. Warum?

"Ich weiß nicht, wie diese Gruppierung heißt", sagt Admira. Aber es seien sicher Leute vom Islamischen Staat gewesen. Sie hätten Todesangst gehabt nach der Drohung, wenn ihr Mann sich weigerte, in den Krieg zu ziehen, würden sie alle umgebracht. Jetzt fühlten sie sich sicherer. "In Frankreich habe ich fünf Monate während meiner Schwangerschaft auf dem Boden geschlafen", erzählt Admira.

Nass sei es gewesen. Und kalt. Tränen steigen hoch. Baby Semra kam nach acht Monaten zur Welt und hatte gleich eine Bronchitis. Verzweifelt verlassen sie Frankreich. Nach der Ablehnung auf Asyl hätten sie zwar bleiben können, aber ohne Arbeitserlaubnis und ohne Geld völlig utopisch. "Bei der Rückkehr nach Bosnien haben sie schon auf uns gewartet," blickt die junge Frau zurück. Ihr Mann sollte nach Syrien zum Kämpfen geschickt werden. Wieder bleibt nur die Flucht. Dieses Mal ist Deutschland das Ziel.

Über München kommen sie nach Dortmund, über Unna und Wickede an die Harkortstraße, wo sie viereinhalb Monate bleiben. Dann geht es für zwei Monate an die Vördestraße, wo die Familie ein Zimmer in einer WG bewohnt. "Ohne warmes Wasser und mit Beton in der Toilette", merkt Denisa Huskic erzürnt an. Denisa (36) hat jede Menge Erfahrungen, wie es ist als Fremde anzukommen, als Mensch behandelt zu werden und bleiben zu können. Sie übersetzt fürs uns und hilft unermüdlich mit, dass sich die Flüchtlinge angenommen fühlen.

Die Miete für die kleine Wohnung, in der die Familie jetzt zu Hause ist, können sie selber bezahlen. Weil es den Job gibt. Wenn die Angst nicht wäre, dass sie nicht bleiben dürfen, wäre vieles gut. Wie es für Denisa Huskic endlich ist. Sie hat der achtjährige Kampf um ihre Anerkennung als Asylbewerberin an den Rand ihrer Kräfte gebracht und ihren Mann fast zermürbt, erzählt sie. Aber sie gibt nicht auf. Sie ging mit Hilfe von Daniel Molloisch bis an den Petitionsausschuss des Landtags. Mit Erfolg. Den wünschen die Frauen auch Admira und ihrer Familie.

Abi Schlehenkamp

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
So war die Übergabe der Willy-Brandt-Statue
Bildgalerie
Fotostrecke
Schwerer Vandalismus am Ernst-Barlach-Gymnasium in Castrop-Rauxel
Bildgalerie
Fotostrecke
So war der Charity-Lauf im Erin-Park
Bildgalerie
Fotostrecke
Neue Besetzung im Westfälischen Landestheater
Bildgalerie
Fotostrecke
11418920
Schicksalsgeschichte führte nach Castrop-Rauxel
Schicksalsgeschichte führte nach Castrop-Rauxel
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/castrop-rauxel/schicksalsgeschichte-fuehrte-nach-castrop-rauxel-id11418920.html
2015-12-30 16:53
Castrop-Rauxel