Klasse Kohlhaas
19.02.2010 | 16:40 Uhr 2010-02-19T16:40:00+0100Castrop-Rauxel. Einen Tag nach dem Mord in einer Ludwigshafener Berufsschule thematisiert das WLT vor Gesamtschülern einen Amoklauf. Rammsteins „Mein Herz brennt” untermalt die Bilder, auf denen der Schauspieler Stefan Leonhard in Anlehnung an das Emsdetten-Attentat eine Videobotschaft übermittelt.
28 Teenager sind mucksmäuschenstill. Über den Fernseher in Raum 311 der Gesamtschule flackert ein Attentätergeständnis. Rammsteins „Mein Herz brennt” untermalt die Bilder, auf denen der Schauspieler Stefan Leonhard in Anlehnung an das Emsdetten-Attentat eine Videobotschaft übermittelt: „Die Welt könnte so schön sein, aber sie ist hässlich und deshalb gibt's Tote.”
Die Klasse 8a der Willy-Brandt-Gesamtschule durfte gestern Vormittag die Premiere der Adaption des Westfälischen Landestheaters von Heinrich von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas” erleben. „Das sind so viele”, flüstert Theaterpädagogin Kathrin Lehmann. Dass Stefan Leonhard krank ist, lässt zweifeln, ob er durchhalten wird in diesem Extremauftritt mit fast 30 Schülern, deren Reaktionen nicht vorhersehbar sind.
Die Zweifel verblassen allerdings mit den ersten Worten. Der Einstieg in das Stück lässt das Gemurmel der Schüler abrupt verstummen. Stefan Leonhard alias Michael Kohlhaas betritt die „Bühne” - ein dreireihiger Stuhlhalbkreis - in schwarzer Armeehose und Weste, die mit Munition bespickt ist. Seine Requisiten sind ein Fernseher, ein Stuhl, ein Reclamheft und natürlich seine Stimme und seinen Körper. 50 Minuten lang interpretiert er zehn Figuren. Ob Frau, ob Mann, der Schauspieler differenziert Stimme und Körperhaltung auf den Punkt, je nach Figur.
Im Stück erfährt der Pferdehändler Michael Kohlhaas, was Ungerechtigkeit bedeutet und zieht persönliche Konsequenzen. „Mit Feuer und Schwert” zieht er durch das heilige römische Reich, mordet und legt Städte in Schutt und Asche. Auch die kurze Rahmenhandlung endet mit ebendieser Konsequenz. Der von der Schule und Lehrern vermeintlich gemobbte Schüler lädt seine Pistole und stürzt aus dem Raum: „Jetzt zeig ich euch mal, was Freiheit ist!” Alle zucken zusammen, als der „Attentäter” die Tür hinter sich zuknallt. Wieder ist es still. Bis der Applaus nach einigen Sekunden der Sprachlosigkeit einsetzt.
Die Regisseurin Yvonne Groneberg hat eine gespannte, intensive Atmosphäre geschaffen. Anschließend diskutieren auch die Schüler über die Möglichkeit eines Amoklaufs. Welche Lehre man aus dem Stück ziehen kann? Dazu antwortet Stefano: „Ja, niemals Amok laufen.”
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