Geschäft mit schlechten Noten
14.04.2010 | 15:46 Uhr 2010-04-14T15:46:00+0200
Castrop-Rauxel. Schlechte Noten sind zum Geschäft geworden. 1,1 Millionen Schüler nehmen jährlich Nachhilfeunterricht in Anspruch. Etwa 1,5 Milliarden Euro geben Eltern in Deutschland dafür aus. Castrop-Rauxel hat mittlerweile acht Nachhilfeinstitute. Aber warum hat die Zahl der Hilfesuchenden so stark zugenommen?
Mirijam Hensel vom Hercules-Nachhilfeinstitut in der Ickerner Straße ist überrascht, dass der Zulauf so groß ist: „Uns gibt es erst seit einem Jahr, aber es sind schon viel mehr Schüler als erwartet.”
Die Nachhilfeinstitute sind sich einig: Kinder sind schon früh einem großen Leistungsdruck ausgesetzt. Bereits in der Grundschule müssen die Schüler an ihre baldige Versetzung in die weiterführende Schule denken. „Oft haben berufstätige Eltern einfach nicht die Möglichkeit, mit den Kindern Hausaufgaben zu machen oder für Arbeiten zu lernen”, erklärt Mirijam Hensel. Deshalb starten viele Schüler schon im Grundschulalter mit der Nachhilfe. „Dabei sind es keine schlechten Schüler. Die Zeit der Eltern ist oft knapp.”
Grundschüler werden im Hercules in Kleingruppen von maximal zwei Kindern unterrichtet. Sie seien einfach zu quirlig und die Aufmerksamkeitsspanne sei noch nicht so groß. Ältere Schüler lernen mit höchsten drei Kindern gemeinsam. Acht Nachhilfelehrer stehen dafür zur Verfügung. „Das Abitur ist natürlich erstrebenswert. Aber nicht um jeden Preis”, meint Mirijam Hensel. Es bestehe oft ein starker Druck seitens der Eltern. Obwohl die Grenzen ihrer Sprösslinge den meisten Eltern klar seien. „Nur einmal hatten wir eine Kampfsituation, weil eine Schülerin unbedingt ins Gymnasium versetzt werden sollte.” Dass eine andere Schulform manchmal die bessere Alternative ist, vergessen manche Eltern.
Viele Schüler nehmen die Nachhilfe nur kurzfristig für Arbeiten oder vor dem Abitur in Anspruch. Dabei fehlen oft die einfachsten Grundlagen, etwa, dass man den Schülern erst ein System zum Lernen vermitteln müsse.
„Das ist ein Fehler im System”, meint Dieter Wefer von der ABACUS-Verwaltung in Herne. Die Verkürzung der Schulzeit, bei der das Abitur bereits nach der zwölften Klasse erlangt wird, bringe notwendigerweise mit sich, dass der Stoff komprimiert in kürzerer Zeit durchgenommen werden muss. „Die Leidtragenden sind die Kinder und Jugendlichen. Wo bleibt das Leben, wenn von morgens bis abends gelernt wird?” fragt Dieter Wefer. ABACUS setzt auf Einzelförderung bei den Kindern zu Hause. Dafür stehen den etwa 100 Nachhilfeschülern in Castrop-Rauxel 20 Lehrer zur Verfügung.
Oftmals leiden die Kinder und Jugendlichen auch an massiven Konzentrationsschwächen und Prüfungsängsten. Ob ein Kind drei Monate oder ein Jahr gefördert werden muss, könne man nicht sagen. „Nachhilfeunterricht hat nur Sinn und Zweck, wenn individuell gefördert wird”, so Mirijam Hensel.
Die Nachhilfelehrer sind sich einig: In großen Klassen von 30 Schülern hätten einige einfach keine Chance. „Nur die Politik kann diesen Fehler beheben”, meint Dieter Wefer.
Viele der Nachhilfeschüler seien motiviert und verbesserungswillig, „aber es gibt auch schwarze Schafe”, sagt Mirijam Hensel. „Manchmal sind es nur Perlen vor die Säue. Da kann man sich statt Nachhilfe lieber ein neues Paar Schuhe leisten.”
07:38
Der rege Zulauf bei den Nachhilfeinstituten könnte natürlich auch einen anderen Grund haben.
Würde so mancher Lehrer seinen Unterricht mit genau der gleichen Sorgfalt und Umsicht vorbereiten wie seine Nachhilfestunden, so wäre dadurch wahrscheinlich mehr Schülern geholfen.
Aber wer verzichtet schon gerne freiwillig auf ein durchaus lukratives Nebengehalt?
Ein Schelm, wer gelegentlich Vorsatz dahinter vermuten könnte...