Geld verdirbt den Charakter
05.10.2009 | 18:02 Uhr 2009-10-05T18:02:00+0200Jean-Baptist Molières Meisterstück „Der Geizige” begeistert die Zuschauer des Westfälischen Landestheater.
Die erste und letzte Szene gleichen sich. Und dennoch unterscheiden sie sich. Harpagon steht da, umgeben von kühlem Licht – so kühl wie er selbst. Während er in der Eingangsszene noch seinen Verwalter und seine Tochter schweigend hinter sich hat, liegen in der Schlussszene nur lauter Geldscheine um ihn herum. Harpagon ist ganz allein, gezeichnet von seiner Gier. Geiz ist eben doch nicht geil. So hätte es Jean-Baptist Molière vor 400 Jahren gewiss nicht ausgedrückt, doch eine derartige Meinung vermittelt seine Komödie „Der Geizige” am Sonntagabend das Ensemble des Westfälischen Landestheaters (WLT) bei der ausverkauften Premiere des Klassikers in der Castrop-Rauxeler Stadthalle.
Geiz macht arm, gefühlsarm. Geld verdirbt den Charakter, wenn er nicht bereits - so wie bei dem Protagonisten Harpagon - verdorben ist. Harpagon, dieser gnadenlose Knauserkopf, dieser Geizkragen, der sein Geld hortet und es Tag und Nacht bewacht, damit es niemand stiehlt. Zerfressen ist er vom Misstrauen seinen Mitmenschen gegenüber, überall wittert er Verrat, selbst seinen Sohn und seine Tochter beobachtet er stets argwöhnisch. Vatergefühle sind gegen eine derartig stark ausgeprägte Skepsis machtlos. Er geht gar so weit, seine Kinder um der Mitgift willen zu verkaufen, zwangsweise zu verheiraten. Immer das eine Ziel vor Augen: Geld anhäufen.
Grandios vermochte es der Schauspieler Burghard Braun die Hauptfigur darzustellen: als Karikatur seiner selbst, wunderlich, kauzig, unverträglich. In dem altbackenen, karierten Anzug stakst er über die Bühne. Seine Blicke verhuscht. Und je weiter die Handlung um ihn, seine Familie, seinen Geiz fortschreitet, um so hysterischer, charakterloser und auch trotteliger wirkt er. Diese Entwicklung spitzt sich zu, als ihm seine gut versteckten 10000 Taler gestohlen werden - der einzige Moment, in dem er menschliche Züge offenbart.
Doch dieser Augenblick ist schnell wieder vorbei: Er dreht durch, wird wütend, panisch, aggressiv. Und am Ende, da steht er alleine dort. Seine Angestellten, seine Kinder verlassen die Bühne. Harpagon krallt sich raffgierig an seinen Geldkoffer und geht ab.
Eine tragische Figur, die Gefühle und Zuneigung nicht einmal zu vermissen scheint. Das stimmte nachdenklich - trotz aller Komik, die durch den überzeichneten Charakterlosen entstand. Genau genommen war es ein Wechselspiel zwischen Tragik und Komik, zwischen Ernsthaftigkeit und Slapstick.
20:40
Liebe Frau Latterner,
das ist doch ein prima Artikel. Da verstehe ich gar nicht, dass die Version, die am 7.10. im überregionalen Kulturteil erschienen ist, so viele Änderungen enthält. Und seltsamerweise erinnern diese Änderungen doch stark an den Artikel in den RN vom 5.10., den ich geschrieben habe.
Freut mich aber, dass mein Beitrag Sie so inspiriert hat.
Gruß
Cordula Rode