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Hospizarbeit

Gelassen dem Tod gegenüber

01.11.2011 | 05:00 Uhr
Gelassen dem Tod gegenüber
Mechthild Haßlinghaus ist ehrenamtlich für den Ambulanten Hospizdienst der Caritas tätig. Foto: Karl Gatzmanga

Castrop-Rauxel.   Die 54-jährige Lehrerin Mechthild Haßlinghaus ist als Ehrenamtliche beim Ambulanten Hospizdienst tätig. Sie begleitete über mehrere Wochen einen Sterbenskranken.

Eigentlich wollte sie diese Aufgabe übernehmen, sobald sie in Pension geht. Doch dann las Mechthild Haßlinghaus in der Zeitung von dem Ambulanten Hospizdienst der Caritas – und behielt das Angebot eines Befähigungskurses im Hinterkopf. „Als der Infoabend für den Kurs näher rückte, hab ich mich gefragt: Warum informierst du dich nicht jetzt schon mal“, denkt die 54-Jährige zurück. Vor ziemlich genau einem Jahr war das.

Zunächst wollte sie nur mal hineinschnuppern, war noch zögerlich, sich nach dem Infoabend auch wirklich für den Kurs anzumelden. „Ich habe es mir offen gehalten, ob ich teilnehme oder nicht“, erzählt die Lehrerin und fährt fort: „Die ganzen Sommerferien ging das in meinem Kopf hin und her. Und dann dachte ich: Eigentlich ist es jetzt viel einfacher, als wenn ich noch lange warte – wer weiß, wie sich alles entwickelt, und man wird ja nicht frischer im Geiste.“

Also entschloss sie sich mitzumachen beim so genannten Befähigungskurs. „Das war eine sehr intensive Erfahrung, die möchte ich nicht missen“, blickt Mechthild Haßlinghaus auf die neun Kurseinheiten zurück. Sie habe Gespräche geführt mit Leuten, die sie eigentlich gar nicht kannte, sondern gerade erst getroffen hatte. „Diese Gespräche waren intensiver, als alles, was ich bislang kennengelernt habe“, beschreibt die 54-Jährige. Dabei sei auch sie schnell eines Besseren belehrt worden, was das Bild eines Hospizdienstes anbelange: „Einige Kursteilnehmer waren sogar noch jünger als ich und es wurde total viel gelacht in dem Kurs, da sind nicht alle nur traurig.“

Anstatt Trauer zu tragen, gehe es vielmehr darum, über die eigenen Erlebnisse zu sprechen und sich gegenseitig auszutauschen über das Sterben, das man im eigenen Umfeld bereits erfahren hat. „Wichtig ist für die Hospizarbeit, mit sich selbst ganz im Klaren zu sein, damit man sich in der Situation zurücknehmen kann.“ Diese Erkenntnis hat Mechthild Haßlinghaus aus dem Kurs für sich mitgenommen. Und noch eine weitere: „Ich habe mich sofort nach dem ersten Kurs auch befähigt gefühlt, jemanden, der im Sterben liegt, begleiten zu können und es auch zu wollen.“

„Er hatte so viel zu erzählen“

Einige Monate nach dem Vertiefungskurs, den Mechthild Haßlinghaus zusätzlich bei der Caritas belegt hatte, kam es zu ihrer ersten Begleitung: Ein 82-jähriger Mann, der schon ein gutes Jahr krank zuhause lag. Dessen Frau wollte ein Mal in der Woche wieder ihrem Hobby nachgehen, ihren Mann wollte sie in dieser Zeit gut betreut wissen. Beim Ambulanten Hospizdienst der Caritas war sie mit ihrem Anliegen an der richtigen Adresse, lautet dessen Motto doch „Da sein – Zeit schenken.“

„Die Frau war ganz erfreut, dass sie wieder mal weggehen konnte“, erinnert sich Mechthild Haßlinghaus an den ersten Kontakt und erzählt: „Ich habe mich dann zu ihm ans Bett gesetzt und wir haben uns die ganze Zeit unterhalten. Er war ein ganz offener, wacher Mensch, ein ehemaliger Bergmann.“ Beim zweiten Besuch habe der 82-Jährige sie bereits mit einem verschmitzten Grinsen empfangen und auf ein Buch gedeutet, „Damals auf’m Pütt“ hieß es. „Er hat mich gefragt, ob ich ihm daraus vorlesen könne – und zwar von der ersten bis zur letzten Seite.“ Mechthild Haßlinghaus muss beim Gedanken daran lächeln. „Wir haben über jeden zweiten Satz endlos debattiert, mein Opa war auch Bergmann. Ach, er hatte so viel zu erzählen. Er war guter Dinge und voller Hoffnung, wieder auf die Beine zu kommen.“

Die Lehrerin hält kurz inne und sagt dann: „Wir sind leider nicht weit gekommen, nach einem Monat ist er schon verstorben. Am Abend, bevor er gestorben ist, war ich noch da und wollte wieder dieses Buch greifen. Da lag er dann und hat gesagt: Heute haben sie nicht viel Spaß an mir, ich bin so müde.“ An dem Abend habe sie mit seiner Frau noch lange auf den Palliativarzt gewartet, erinnert sich Mechthild Haßlinghaus. „Doch irgendwann musste ich nach Hause, es wurde zu spät. Zu meinem Mann habe ich dann gesagt: Den sehe ich nicht wieder.“ Am nächsten Morgen erfuhr sie beim Telefonat mit der Ehefrau, dass der 82-Jährige in der Nacht gestorben war. „Leider, ich wäre sehr gerne noch mal dahin gegangen“, sagt die Lehrerin und betont: „Die beiden haben es mir leicht gemacht, es war stimmig zwischen uns.“

Die Erfahrung war eine gute, blickt Mechthild Haßlinghaus äußerst zufrieden auf ihre Zeit am Bett des Seniors zurück: „Ich war vorher schon gelassen dem Tod gegenüber, aber ich glaube, ich bin durch die Erfahrung noch ein Stück gelassener geworden. Und vor allem: Ich habe noch weniger Angst.“

Hintergrund: Der Ambulante Hospizdienst der Caritas

Bereits seit 2003 besteht der Ambulante Hospizdienst der Caritas in der Europastadt, die Diplom-Sozialpädagogin Sabine Kabzinski koordiniert das Angebot seit 2005. Zurzeit zählt ihre Datenbank 20 aktive Ehrenamtliche, die Familien mit Sterbenskranken unterstützen.

Der Ambulante Hospizdienst ist nicht als Rufbereitschaft zu verstehen für den Moment, wenn der Tod kurz bevor steht, sondern vielmehr als Entlastung für die Angehörigen während dieser schweren Zeit. „Da sein – Zeit schenken“ lautet auch das Motto des Dienstes, der von Betroffenen kostenlos in Anspruch genommen werden kann. „Die Familie fühlt sich bestärkt, dadurch, dass regelmäßig jemand kommt“, gibt Sabine Kabzinski die Rückmeldung von Betroffenen wieder und fügt hinzu: „Das Thema Sterben ist durch die Beschäftigung damit nicht mehr so fremd. So trauen sich die Angehörigen, dass auch alleine durchzustehen.“

Dabei gilt grundsätzlich, dass die Tätigkeit nichts mit Pflege zu tun hat. Vielmehr lernen die Teilnehmer des sogenannten Befähigungskurses die Grundlagen für die Hospizarbeit kennen. Ein Schwerpunkt dabei: Die Reflexion des selbst Erlebten. „Es ist wichtig sich mit dem auseinanderzusetzen, was man selbst erfahren hat“, erklärt Sabine Kabzinski, „sonst könnten die eigenen Gefühle im Weg stehen, wenn ich am Sterbebett stehe.“ Der „Befähigungskurs für die ehrenamtliche Hospizarbeit im häuslichen Bereich“ läuft über rund zwei Monate und setzt sich aus neun Einheiten zusammen. Hinzu kommt ein Hospizbesuch, ein Praxisabend am Krankenbett und ein Kurzpraktikum im Altenheim.

Alle Ehrenamtlichen, die den Kurs durchlaufen haben, treffen sich ein Mal im Monat zum Gedankenaustausch. Eine wichtige Erkenntnis gibt Sabine Kabzinski allen Kursteilnehmern mit auf den Weg: „Wir kommen nicht als die Perfekten, sondern wir kommen als Mensch. Wir dürfen auch mal sagen: Darauf weiß ich auch keine Antwort.“

Katja Büchsenschütz

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2011-11-01 05:00
Castrop-Rauxel