Erste Schritte in die Berufswelt
31.01.2010 | 16:56 Uhr 2010-01-31T16:56:00+0100Castrop-Rauxel. Rund 150 Achtklässler der Willy-Brandt-Gesamtschule schnuppern diese Woche in den Arbeitsalltag. Im Berufsorientierungscamp bekommen sie auch beigebracht, wie man sich in einem Bewerbungsgespräch verhält. Das Camp ist eine Vorbereitung aufs dreiwöchige Praktikum.
5236 junge Erwachsene bemühten sich in 2009 um einen Ausbildungsplatz. 5236 Schulabgänger „stürzten” sich auf 2795 gemeldete Berufsausbildungsstellen im Kreis Recklinghausen. 70 Bewerber blieben unversorgt, aber auch 14 Berufsausbildungsstätten blieben unbesetzt. So sah es 2009 aus, so sieht es wahrscheinlich auch dieses Jahr aus.
„Das Land NRW hat die Wichtigkeit erkannt, Schüler frühzeitig mit dem vertraut zu machen, was nach der Schule auf sie zukommt. Nämlich die für sie weit entfernte Berufswelt”, erzählt Michael Langner, Lehrer an der Willy-Brandt-Gesamtschule. Und die hat sich für ihre Schüler gerüstet: seit einiger Zeit gibt es drei Berufs- und Studienkoordinatoren, in der zehnten Klasse gibt es „Berufliche Orientierung” als Wahlfach. Und die Achtklässler werden seit dem vergangenen Jahr ins Berufsorientierungscamp gesteckt.
Mehr Schüler mit Ausbildung
Achtklässler – zwischen 13 und 15 Jahren – interessieren sich in der Regel nicht für die Arbeitswelt. Das ist kein Geheimnis. „Aber das Thema kommt an”, weiß Dorothea Timm, ebenfalls Lehrerin an der Willy-Brandt-Schule. „Wir können mit Zahlen belegen, dass nach dem ersten Berufsorientierungscamp mehr Schüler eine Ausbildung bekommen haben und weniger zu Berufskollegs rennen”, so Timm. Gemeinsam mit zwei anderen Lehrern hat sie die Federführung für die Organisation des Berufsorientierungscamps übernommen, denn „es muss was getan werden”. Von Montag bis Freitag ist Mathe dann mal Mathe. Stattdessen wird der Stundenplan von Modulen bestimmt und geprägt. „Jede Klasse macht an einem Tag ein Modul. Montag geht's zum Beispiel mit dem Modul I ,So bin ich! Soziale Kompetenzen entdecken' los”, erklärt Michael Langner das Prinzip. Im weiteren Verlauf der Woche lernen die rund 150 Schüler Berufsbilder kennen, denken über ihre Lebens- und Berufsplanung nach, üben ein Vorstellungsgespräch mit einer Theaterpädagogin von Jugend in Arbeit und erkunden die Berufe in ihrer Region. „Für das Projekt haben wir dieses Jahr 12 000 Euro Förderung vom Land bekommen”, so Langner. „Die Klassen bekommen Moderatoren, die unter anderem von diesem Geld bezahlt werden. Wir Lehrer fungieren in dieser Woche lediglich als Beobachter.” Von der Finanzspritze werden aber auch Fahrtkosten bezahlt und für jeden Schüler ein Berufswahlpass angeschafft. „Für das Camp werden wir auch wieder einige Sachmittel anschaffen. Letztes Jahr – da betrug die Förderung 7000 Euro – haben wir einen Beamer und Laptop gekauft.” Das Berufsorientierungscamp könne im Prinzip jede Schule bei sich anbieten. „Sie dürfen sich nur nicht von dem 15-seitigen Antragsformular abschrecken lassen”, schmunzelt Dorothea Timm.
Hinführung zur Praktikumssuche
Das Berufsorientierungscamp nutzt die Willy-Brandt-Schule auch als Hinführung zur Praktikumssuche, die im Sommer beginnt. In den ersten drei Februarwochen in der neunten Klasse können die Schüler dann in ihren Wunsch-Beruf hineinschnuppern. „Es mangelt hier in der Umgebung nicht an Ausbildungsplätzen. Es gibt inzwischen 346 Ausbildungsberufe, die mit einem Hauptschulabschluss ausgeführt werden können”, verdeutlicht die Lehrerin für Englisch und Hauswirtschaft. „Wir erleben leider immer öfter, dass Eltern sich kaum noch für die berufliche Zukunft ihrer Kinder interessieren. Sie sind überfordert und geben die Verantwortung an die Schule ab.” Daher sieht sich die Willy-Brandt-Schule in der Pflicht – und nimmt sie wahr.
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