Bestattung ohne Sarg? Streit und neue Probleme

Dürfen Muslime auf einem Friedhof in Castrop-Rauxel ohne Sarg bestattet werden, wie es Brauch ist? Erst sagte die Verwaltung: Nein. Jetzt musste sie sich korrigieren: Prinzipiell ist das möglich. Sollte die Friedhofssatzung jedoch entsprechend angepasst werden, könnten sich weitreichende Probleme auftun.

Castrop-rauxel.. Bei diesem Thema zeigt sich, wie aufgeheizt die Stimmung in der Castrop-Rauxeler Lokalpolitik sein kann, wie sehr Parteien und Fraktionen einander auflaufen lassen können, wie groß die Gefahr ist, dass weniger über Themen als über Abläufe gesprochen wird. Es birgt auch einen kleinen Skandal und deutet weitere Probleme an. Doch der Reihe nach.

Worum geht es eigentlich?

Dürfen Muslime auf einem Friedhof in Castrop-Rauxel ohne Sarg bestattet werden - also nur in einem Leichentuch, wie es in diesem Kulturkreis üblich ist?

Diese Frage stellte die Linke, als im Dezember 2014 über eine neue Friedhofssatzung entschieden werden sollte - genauer: über die Gebührensatzung.

Darf man ohne Sarg bestattet werden?

Die Antwort der Verwaltung war eindeutig: Nein, das gehe nicht. Denn das Landesrecht lasse es nicht zu.

Das sah die Linke anders und enthielt sich bei der Abstimmung. Doch die Partei-Vertreter wollten es genauer wissen, stellten Ende Januar eine erneute Anfrage: Sind Bestattungen ohne Sarg möglich?

Die Antwort des Bau-Ausschusses gleicht einer Rolle rückwärts: Ja, das sei möglich. Die Satzung der Stadt müsste dafür geändert werden, aber das ist den Kommunen laut Landesgesetz erlaubt.

Reaktionen: "Unglaublich" und "Halbwissen"

"Das ist unglaublich", so die Reaktion von Linke-Fraktionschef Ingo Boxhammer im Gespräch mit unserer Redaktion. "Eigentlich ist diese Gebührensatzung aufgrund von Falschinformationen zustande gekommen. Wir sind schlicht und einfach verdummdeubelt worden. Wir müssen uns auf die Auskünfte der Verwaltung verlassen. Das war kein Highlight, das war unterirdisch."

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Verwaltung hat vor einer wichtigen Abstimmung auf Nachfrage eine Antwort gegeben, die nachgewiesen falsch war. Unwissenheit über die gesetzlichen Regelungen wäre schon schlimm genug. Doch es deutet sich an, dass diese Kommunikationspanne auch etwas mit Personen, Führungsstil und vielleicht sogar Parteizugehörigkeit zu tun haben könnte.

Dr. Bert Wagener, Fraktionschef der Grünen, klagt jedenfalls den Ausschussvorsitzenden Oliver Lind an: "Was ich mir wünsche, ist eine neutralere Sitzungsleitung, da das beherzt vorgetragene 'Halbwissen' des CDU-Ausschussvorsitzenden häufig zu Verwirrung führt."

Wie soll es jetzt weitergehen?

Die Verwaltung in Castrop-Rauxel und der Ausschuss werden sich mit einer Anpassung der Friedhofsordnung beschäftigen, damit eventuell Muslime auch ohne Sarg bestattet werden können.

Doch dabei wird sich zeigen, dass dieses Thema weitreichender ist - denn es geht generell um Integration. So erklären beispielsweise die Grünen in Person von Dr. Bert Wagener, dass man durchaus Sonderregelungen für Menschen anderer Kulturkreise schaffen könne, damit diese zum Beispiel ihre Religion ausüben können - was besonders bei Bestattungen zum Ausdruck kommt. "Wir in Castrop-Rauxel sind jedoch einen Schritt weiter und wollen Inklusion der vielfältigen Gesellschaftsstrukturen voran bringen", so Wagener.

Kann sich jeder ohne Sarg bestatten lassen?

Er konkretisiert: "Das heißt, es sollen Sonderregelungen aufgehoben und keine weiteren geschaffen werden." Bedeutet: Nicht nur Muslime sollen die Möglichkeit haben, ohne Sarg bestattet zu werden, sondern alle.

Auch die Christdemokraten sind für eine generelle Aufhebung der Sargpflicht: "Dies wäre im Sinne aller gesellschaftlichen Gruppen in unserer Stadt, um Unterschiede nach religiösen oder ethnischen Kriterien zu vermeiden", so CDU-FraktionsvorsitzenderMichael Breilmann. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die städtische Satzung nur für städtische Friedhöfe gilt - nicht für evangelische oder katholische.

Was könnten Folgen sein?

Doch so eine Neuregelung könnte Folgen haben. Was ist, wenn nur deshalb jemand ohne Sarg bestattet wird, weil dazu einfach das Geld fehlte? Auf dieses Problem weist die SPD hin."Bei der Bewertung ,Sargpflicht ja oder nein‘ dürfen nur kulturelle und keine finanziellen Aspekte einbezogen werden", fordert Partei- und Fraktionsvorsitzende Rajko Kravanja.

Es ist zwar makaber, aber auch diese Frage muss gestellt werden: Was wäre, wenn der Enkelsohn die ungeliebte Oma ebenfalls ohne Sarg beerdigen lässt, weil er das Geld einfach nicht ausgeben will?

Fazit: So simpel und nüchtern das Thema Friedhofssatzung vielleicht erscheinen mag - es ist ein Thema, über das hart diskutiert wird, das uns zeigt, wo wir in puncto Integration und Inklusion stehen, und das uns noch vor Herausforderungen stellen wird.