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Castroper-Köpfe

Auf Zeitreise

16.02.2010 | 17:21 Uhr
Auf Zeitreise

Castrop-Rauxel. Er ist ein hoffnungsloser Nostalgiker, ein Erinnerer und macht am liebsten das, was dieser Spezies wohlige Schauer über den Rücken jagt: Er wagt den Rücksturz in die Vergangenheit, genauer: Musikvergangenheit.

Mit „Samtcord, Strass & Soundgewitter” legt Ulli Engelbrecht ein Buch vor, das den Leser auf eine Zeitreise in die 70er/80er Jahre einlädt.

Wer sich drauf einlässt, wird belohnt, darf dank 32 kurzweiliger Geschichtchen eine Zeit noch einmal Revue passieren lassen, die so nicht wiederkommt. Es geht um zwei Jahrzehnte die prägten, um Gefühle, Gedanken, Stimmungen, an die man sich als Älterer nur allzugerne erinnert. „Mir ist wichtig, dass sich beim Lesen die rockige Klangwelt vor dem inneren Ohr abspult, dass man den Bunker- und Pfarrheim-Partyraum-Geruch der 70er in der Nase hat oder den Angstschweiß aus den 80ern riecht, die uns mit atomaren Bedrohungen und Umweltkatastrophen bedrohten und mit Synthie-Pop einlullten”, sagt der 52-Jährige, der im Hauptberuf Sprecher des WLT ist.

Die 70er und 80er sind so etwas wie Engelbrechts Spezialgebiet. An ihnen hat er sich schon in mehreren Büchern abgearbeitet. In seiner Wohnung steht immer noch der legendäre Plattenspieler „Mister Hit” – Erinnerungs-Jahrzehnte zum Anpacken. Er kann nicht loslassen und es lässt ihn nicht los. „Da war noch so viel Gedankenschrott, das musste raus. Es ist doch alles das, was mich geprägt hat.” Engelbrecht packte also die Koffer, nahm seinen Laptop mit und zog für eine Woche nach Velen, einem Dorf an der holländischen Grenze. Die Bedingungen waren optimal, keine Ablenkung im Zimmer unterm Dach, 'raus ging's nur zum Frühstück und Abendessen und ansonsten wurde durchgetippt, floss der Gedankenschrott in die Tastatur.

Lebensgefühle von Gestern? Bringt's das? „Aber ja, das ist doch generationsübergreifend interessant. Geknutscht wird schließlich auch heute immer noch zu ganz bestimmter Musik.” Und nicht nur das. Dass es noch jede Menge andere Dinge gab und gibt, an die sich die Strategen von einst, die heute in den 50ern stehen, nur allzugerne erinnern, lässt sich bei Engelbrecht amüsant und immer hautnah nacherleben.

Der Castrop-Rauxeler Theaterreferent Ulli Engelbrecht hat unter dem Titel Samtcord, Strass und Soundgewitter ein Buch geschrieben über die Musik der 70er und 80er Jahre. Foto: Joseph-W. Reutter / WAZ FotoPool

Dabei scheut der Autor auch nicht vorm Miesmachen bestimmter Musiker zurück. Gar nicht geht für ihn „Modern Talking”. Dieses „Grinsgesicht unter der blonden Föhnfrisur” – gemeint ist Bohlen – und „dieses singende Bratwürstchen Anders”, das sind Engelbrechts Hass-Matten, auf denen er gerne seine Musiker-Schuhe abtritt. Auch „Golden Earring”, Hollands Dampf-Export-Kapelle der frühen 70er, lässt ihn kalt. Seine Adjektive für die Hits der Gouda-Jungs: langweilig, unnötig, schunkelig, protzig, nervig, grauslich. Und auch die Cool-Popper à la Matt Bianco – „überzuckert-süß” – bekommen ihr Fett weg. „Gefälligkeitslalla” und „Bankettmusik für tanzende Eitelkeiten” sind die Schmähungen, die diese Musiker einstecken müssen.

Ganz anders die musikalischen Berührungen mit „Ton, Steine, Scherben”. Engelbrecht: „Das Konzert hatte mich verunsichert, beeindruckt, aufgerüttelt, erschlagen.” Unbedingt und beeindruckend lesenswert dann seine minutiöse Aufzeichnung eines „Can”-Konzerts, das wegen Hasch-Qualm-Alarm von der Feuerwehr abgesagt werden musste. Und wo bei Engelbrecht der Musikhammer hängt, zeigt seine Bewunderung des legendären Ruhrpott-Trios „Pöhlmusik”, die mit „Maschinenstürmer” und den Titeln „Kalte Latte”, „Schepperhannes” und „Ledervater” den „Zeitgeist aufmischten und die verspielten 70er Jahre endgültig eindampften”. Engelbrechts terminatorenhafte Einschätzung: „Es muss knalen. Wir wissen eh, was gemeint ist.”

„Samtcord, Strass & Soundgewitter” gibt's als Lese-Show mit Ulli Engelbrecht am Samstag, 27. Februar, um 19.30 Uhr im LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg, Waltrop, Am Hebewerk 2, (02363/9707-0).

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Das Buch ist bei „Books on Demand” (BoD) gedruckt worden. Was ist das denn?

Engelbrecht: Das ist die Zukunft der Buchherstellung.

Wieso?

Nun, es gibt keine Lagerkosten mehr, da der Text als Datei abgelegt ist und nur dann als Buch gedruckt wird, wenn man bestellt - eben „on demand”. Und zwar im Internet, also online. Das Risiko, dass der Verlag auf einem Stapel von Büchern sitzen bleibt, da keiner das Buch kauft, ist damit nicht mehr gegeben. „BoD” ist eine Tochter des Buch-Vertriebs Libri.de.

Im Laden zum Buch greifen, es anfassen, spüren und drin blättern ist demnach nicht mehr möglich?

Das stimmt, aber es ist natürlich dank ISBN-Nummer in allen wichtigen Katalogen gelistet. Man kann es auch im Laden bestellen, die Lieferung dauert fünf bis sechs Tage. Übrigens: Es gibt kein Lektorat. Man muss als Autor die Datei sauber erstellen.

Hört sich nach Arbeit an.

„BoD” hilft aber auch, bietet verschiedene Marketing-Pakete an. Die Preise reichen von umsonst bis, ja, unendlich. Ich habe die Variante gewählt wo ich mich um nichts kümmern muss. Toll ist auch, dass das Buch ja immer da ist. Es gibt keine Auflage, die irgendwann vergriffen ist. Außerdem kann es immer wieder aktualisiert werden. Es lassen sich mühelos neue Kapitel oder Bilder hinzufügen. Gut gefällt mir die Qualität und die größere Schrift. Das ist genau richtig für meine Zielgruppe.

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Von Ulli Engelbrecht/Jürgen Boebers-Süssmann erschienen bereits die Bücher „Licht aus – Spot an, Musik der 70er Jahre”, „Skandal im Sperrbezirk” und „Musik der 80er Jahre” – alle drei sind allerdings vergriffen. Engelbrecht veröffentlichte zum Thema Rockmusik Texte u.a. in Anthologien, Kunstkatalogen und Schulbüchern und veranstaltete in der Vergangenheit zahlreiche Lese-Shows u.a. in Kulturzentren, Kneipen und Kleinkunsttheatern.

Gerhard Römhild

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Kommentare
22.05.2010
13:51
Auf Zeitreise
von Francis | #3

Pedro Fummelmann erinnert mich an etwas:
Ein Bruder von Dieter Bohlen?

22.05.2010
13:50
Auf Zeitreise
von Francis | #2

Es wird am 30. Mai ( 11 Uhr ) im
Kulturzentrum FÜNTE
Gracht 209 - Mülheim a.d. Ruhr
eine interessante Veranstaltung werden.
Unter dem Titel
LITERATURFRÜHSTÜCK
( gutes Frühstücksbuffet)
findet die Buchvorstellung mit Musik und Lesung in gemütlicher Atmophäre statt.
Ein Leckerbissen für Musikfreunde

Anmeldungen sind unter:
www.fuente-kulturzentrum.de
möglich oder Tel: 0208 - 6969064 (AB)

16.02.2010
21:06
Auf Zeitreise
von Pedro Fummelmann | #1

Eins vorweg: Ich bin kein Modern Talking-, Golden Earring- oder Matt Bianco-Fan, fand den Beitrag und den Inhalt dieses Beitrags aber trotzdem äußerst bemerkenswert...
Ich finde es eher nervig, wenn solche Selbstdarsteller über ihrer Meinung nach überflüssige Musik sprechen oder schreiben, und andern Leuten ungefragt diese mitteilen müssen. Solche Aussagen über die hier als Beispiel angeführten Gruppen Modern Talking (Dieses „Grinsgesicht unter der blonden Föhnfrisur”, „dieses singende Bratwürstchen Anders) und Golden Earring (langweilig, unnötig, schunkelig, protzig, nervig, grauslich) halte ich für intolerant und so überflüssig wie ein Furunkel am Steißbein. Man kann in der Musik natürlich einen anderen Geschmack haben, sollte aber auch den anderer Musikfreunde respektieren und nicht mit coolen und flapsig daher gesagten Ansagen herabwürdigen. Man muss kein Modern Talking Fan sein um zu sehen, was dieses Pop-Duo in der Musiklandschaft geschafft hat. Mit solchen Aussagen beleidigt der gute Mann nur zig Millionen Leute, die die Musik mögen. Gleiches gilt für die Fans von Golden Earring, Matt Bianco und allen anderen seiner Meinung nach überflüssigen Künstler. Ich schreibe das, obwohl ich selbst auch andere Musik höre, aber durch meine Tätigkeit als (wie der Buchautor selbst) Autor von Beiträgen über Musik immer für alle Musikarten und Künstler offen geblieben bin. Sollte ich diese Offenheit mal verlieren, höre ich umgehend auf zu schreiben. Rate ich ihm im Übrigen auch...
Der Gehalt seines Buchs ist bereits daran abzulesen, dass der Verlag das Buch nicht druckt, sondern nur auf Abruf für den Kunden herstellt. Man rechnet wohl nicht mit viel Umsatz. Ich kanns nach dem Beitrag hier sehr gut verstehen. Bücher solcher Selbstdarsteller lasse ich grundsätzlich stehen.

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