Adam malte eine Erschießung
12.02.2012 | 15:38 Uhr 2012-02-12T15:38:00+0100
Castrop-Rauxel. Die Zeichnungen der polnischen Kriegskinder sprechen Bände. Sie erzählen von traumatischen Erlebnissen, schweren Verlusten und tiefen Wunden im Inneren der jungen Menschen.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Die Zeichnungen der polnischen Kriegskinder sprechen Bände. Sie erzählen von traumatischen Erlebnissen, schweren Verlusten und tiefen Wunden im Inneren der jungen Menschen. Iris Helbing, Historikerin am Zentrum für Demokratie in Berlin, hat unzählige Kinderzeichnungen ausgewertet. Einige davon präsentiert sie in der Wanderausstellung: „Kinder im Krieg. Polen 1939-1945.“ Seit Freitagabend sind die Bilder im Rathausfoyer zu sehen.
Das Bild der achtjährigen Aruszla aus Torun zeigt Bombenangriffe, das des Viertklässlers Adam eine Erschießungsszene. Die Bleistiftzeichnung von Jerzy, etwa 12 Jahre alt, stellt erschreckend genau dar, wie drei Männer unter den Augen der deutschen Soldaten am Strick erhängt werden. „Ich bin bei der Forschungsarbeit für meine Promotion zum Thema: ‚polnische Kinder nach 1945 in der britischen Besatzungszone‘, auf die Zeichnungen gestoßen“, erzählt Helbing. „Unter einigen der Akten, die ich angefordert habe, befanden sich auch die über 6000 Kinderzeichnungen.“ 2500 davon hat sie ausgewertet. „Ich fand die Skizzen der Kinder so interessant, dass ich gern eine Ausstellung darüber machen wollte. Überraschender Weise erhielt ich sehr viel Unterstützung und bekam die Erlaubnis, meine Arbeitszeit am Zentrum für Demokratie dafür zu nutzen.“ Das tat sie natürlich gern. Die gebürtige Sauerländerin stellte Kontakte zu verschiedenen polnischen Archiven und Museen her, um an Hintergrundinformationen zu gelangen.
Den Treffer, der ihre Recherche schlagartig vorantrieb, erzielte sie in der polnischen Botschaft in Dänemark. Dort liegt ein Bestand von 100 Zeichnungen vor, die im Rahmen eines Malwettbewerbes der Illustrierten „Przekrój“ im Jahr 1946 an polnischen Schulen angefertigt wurden. Helbing berichtet: „Polen ist eines der wenigen Länder, in denen den sogenannten Kriegskindern von Anfang an viel Aufmerksamkeit zuteilwurde. Ziel des Wettbewerbs war es deshalb vermutlich, den Kindern die Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse aus der Okkupationszeit zu erleichtern. So wurde nach Kriegsende früh eine nationale Erinnerungskultur und Identität geschaffen.“ Die 100 ausgewählten Zeichnungen landeten als Geschenk des Dankes an Aarge Netteberg, einen Widerstandskämpfer der dänischen Polenhilfe, nach seinem Tod in der Botschaft.
Bei der späteren Analyse der Zeichnungen kam der Kinderpsychologe Stefan Szuman zu dem Ergebnis, dass die Mädchen und Jungen ihre Kriegserlebnisse mit Stift und Papier wesentlich besser ausdrücken können als mit Worten. Helbing erklärt hierzu: „Jedes Erlebnis, besonders gravierende wie das Miterleben von Krieg und Massenexekution, prägen die Identität der jungen Menschen. Beim Malen und Zeichnen konnten sie sich mit ihrem Trauma auseinandersetzten.“ Die vor allem psychischen, aber auch physischen Leiden, die die Kinder erfahren mussten, spiegeln sich in ihren Darstellungen. Häufig zu sehen sind Zeichnungen von Kriegsflugzeugen und Bombenangriffen, sterbenden Menschen und brutalen Gewaltakten.
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