Zerstörung überall - Bottroper hausten in Kellern und Ruinen

Blick auf das teilweise zerstörte Rathaus von der zerbombten Gladbecker Straße aus gesehen. Fast die gesamte Inennstadt glich 1945 einer Trümmerwüste. Die Menschenm, wenn sie die Stadt nicht verlassen hatten, hausten teilweise in Kellern.
Blick auf das teilweise zerstörte Rathaus von der zerbombten Gladbecker Straße aus gesehen. Fast die gesamte Inennstadt glich 1945 einer Trümmerwüste. Die Menschenm, wenn sie die Stadt nicht verlassen hatten, hausten teilweise in Kellern.
Foto: Stadtarchiv
Was wir bereits wissen
Rückblick auf die letzten Kriegstage und den Beginn der Militärverwaltung. Polizisten waren geflüchtet, von der Feuerwehr war nur noch der Chef da.

Bottrop.. Der Zweite Weltkrieg endete offiziell vor 70 Jahren mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, die am 8. Mai 1945 in Kraft trat. Gut sechs Wochen zuvor war der Krieg in Bottrop vorbei. Die letzten Tage hatten hier jedoch noch einmal erbitterte Auseinandersetzungen gebracht.

In der zweiten Märzhälfte 1945 war es amerikanischen Truppen gelungen, in einem Großangriff den Rhein bei Wesel zu überqueren. Bottrop geriet in den nächsten Tagen unter starken, anhaltenden Artilleriebeschuss. Die Stadt wurde noch von deutschen Soldaten verteidigt. Angstvoll harrte die Bevölkerung in dieser Zeit fast ununterbrochen in den Bunkern und Kellern aus, während die Kampffront immer näher rückte.

Täglich heulten die Sirenen, Tag und Nacht waren die schweren Geschütze der Kampfgruppen und das Bellen der Panzerkanonen zu hören. Nach den erbitterten letzten Gefechten verließen die letzten deutschen Soldaten schließlich am 30. März 1945, es war Karfreitag, um 4 Uhr morgens die Innenstadt und Soldaten der 9. amerikanischen Armee rückten einige Stunden später aus Sterkrade kommend ein. Die amerikanische Militärverwaltung richtete sich zunächst im Rathaus ein. Etwa eine Woche später wurden die Amerikaner durch eine britische Besatzungstruppe abgelöst.

Der weite Weg zurück zur Normalität

Erst ganz allmählich kam das Leben wieder in Gang. Man versuchte so gut es ging, wieder zu so etwas wie Normalität in all dem Chaos zurückzukehren. Doch es war ein weiter Weg, riesige Probleme mussten bewältigt werden. Es galt zunächst, die Infrastruktur wieder in Gang zu bringen, für Wasser, Elektrizität, Heizung und Lebensmittel zu sorgen und die zerstörten Verkehrswege wieder benutzbar zu machen.

Die britische Militärregierung führte ein Tagebuch, in dem täglich von den Offizieren Berichte über die Geschehnisse am Ort abgefasst wurden. Es umfasst die Zeit vom 7. April 1945 bis zum 22. Januar 1946 mit einem nicht genau datierten Nachtrag aus dem Frühjahr 1946, also die unmittelbare Nachkriegszeit. Das Original befindet sich im Bottroper Stadtarchiv und stellt für die Stadtgeschichte eine äußerst wertvolle Quelle dar, gibt es doch aus erster Hand Auskunft über die Situation vor Ort und die dringendsten Probleme, die es zu lösen galt. Es vermittelt eine Ahnung davon, wie es zu dieser Zeit in Bottrop aussah.

"Der Oberbürgermeister und alle Nazibeamte waren geflohen"

Am ersten Tag gab Major Faulks einen Überblick über die Lage in der Stadt und berichtet unter anderem: „Der Oberbürgermeister und alle Nazibeamten waren geflohen. Es gab keine Polizei. Außer dem Leiter der Feuerwehr gab es keine Feuerwehrleute oder Zivilschutz. Von den rund 83 000 Einwohnern waren etwa 60 000 zurückgeblieben. Sperrstunde war von 18 Uhr bis 7 Uhr. Herr Reckmann, ein alter Verwaltungsbeamter und kein Parteimitglied, wurde als geschäftsführender Bürgermeister eingesetzt. (…) Das Hauptproblem bildeten die verschleppten Menschen (Displaces Persons), für die vier Lager beschlagnahmt waren und ein unbeschlagnahmtes, in dem Russen, Franzosen, Belgier und Holländer Unterkunft hatten, die unter unhygienischen Bedingungen leben.“

Einige ehemalige Zwangsarbeiter rotten sich zu Banden zusammen

Die Menschen, die meist als Zwangsarbeiter eingesetzt gewesen waren, blieben zunächst in den Lagern und wurden dann nach und nach entlassen. Immer wieder ist später zu lesen, dass sich einige zu Banden zusammenrotteten, die plündernd umherzogen und die Bewohner angriffen.

Viele Fachwerkhäuser im Dorf waren zerstört

Kirchhellen-Mitte am Ende des Zweiten Weltkriegs bot ein Bild der Zerstörung. Viele Fachwerkhäuser im alten Dorfkern waren noch in den letzten Kriegswochen zerstört worden.

Der Schutt lag dort zum Teil meterhoch. Im Hintergrund ist der Turm der St. Johannes-Kirche noch gut zu erkennen. Dennoch war Kirchhellen nicht so stark zerstört wie Bottrop im Süden. Dort waren vor allem die Industrieanlagen Ziel der alliierten Luftangriffe gewesen.

Kirchhellen wurde, wie auch viele der kleineren Städte im südlichen Münsterland oder am Niederrhein vor allem zwischen 1944 und 1945 beim Endkampf um das Ruhrgebiet in Mitleidenschaft gezogen. Damals wurden zum Teil auch Städtchen wie Dülmen, die gänzlich kriegsunwichtig waren, fast gänzlich zerstört.

Die Männer vom Volkssturm

Im März vor 70 Jahren verhört ein Offizier der 35. US-Infanterie Division - Militärpolizei - Angehörige des deutschen Volkssturms.

Da die Männer keine Uniformen hatten, hätten sie damals auch als Partisanen erschossen werden können. Der Volkssturm galt als das letzte Aufgebot der Nazis. Gegen Kriegsende wurden auch Minderjährige und alte Männer zum Kriegsdienst verpflichtet.

Sie sollten vor allem den Vormarsch der Alliierten verzögern, der aber schon längst nicht mehr zu stoppen war.

Das Dorf Kirchhellen brennt

Am 28. März 1945 waren die Amerikaner in Kirchhellen. Hier beobachtet ein Offizier mit dem Fernglas die teilweise zerstörte Johannesschule.

Im Hintergrund brennt das Dorf. Links im Bild, unter dem Arm des Soldaten, ist im Hintergrund die alte Windmühle zu erkennen. Einen Tag zuvor hatte es erneut schwere Kämpfe nördlich und westlich von Bottrop gegeben. Die deutschen Truppen waren bereits so geschwächt, dass die Amerikaner nicht nur in den Südwesten von Kirchhellen, sondern bei Grafenwald über nahe Stadtgrenze nach Bottrop eindringen konnten, so Ludger Tewes in seinem Band „Der Zweite Weltkrieg“, herausgegeben von der Historischen Gesellschaft.

Raketenwerfer erobert

Bereits am 26. März 1945 hatte das 1. Bataillon des 120. US Infanterie Regiments der 30. US Division einen deutschen Raketenwerfer der 2. Batterie des Werferregiments 87 im Wald von Kirchhellen erobert.

Die hatte über Erle-Schermbeck kommend eine Waldstellung vor Kirchhellen bezogen. Die Kämpfe in Kirchhellen waren sehr entscheidend geworden, da die Amerikaner nach der Einnahme Kirchhellens auch auf Gladbeck ansetzen wollten. Auch die Verteidigungslinie von Bottrop bröckelte, aber es waren immerhin noch die 2. Fallschirmjägerdivision und die Infanterie Division Hamburg zum Schutz der Industriestadt Bottrop abgestellt worden.

Insgesamt wurde die „Frontlänge in diesen Tage immer mehr ausgedehnt, was den Amerikanern in ihrer Überlegenheit nur recht sein konnte, für die Deutschen aber in zunehmender Weise ein Nachteil werden würde“, wie Ludger Tewes in seinem zitierten Band der Historischen Gesellschaft schreibt.

Rhein-Herne-Kanal wurde am 1. April 1945 neue Kampflinie

Das Ende des Kampfes um Bottrop war spätestens abzusehen am 24. März. „Alarm: Luftlandung bei Dorsten und Bildung eines gegnerischen Brückenkopfes bei Wesel über den Rhein“, notierte Oberleutnant Otto Varnholt, Kompaniechef in der Panzerdivision „Windhund“, in sein Tagebuch. Zuvor hatten seine Männer und er noch ein paar Tage Erholung in Holland gehabt. Tagesbefehle von NS-Propagandachef Goebbels über neue Wunderwaffen verlas Varnholt da schon nicht mehr, „da ich sie für baren Unfug hielt“.

Varnholts Pioniereinheit bekommt noch den Auftrag, entlang der heutigen B 224 Brücken zu sprengen, um die US-Panzer aufzuhalten. Dabei bedauert der Offizier die Bauern, „die nach der Sprengung keine Brücke mehr hatten, um auf ihre Felder zu kommen“. Am 30. März wurde Bottrop Frontstadt. Panzerkorps-General von Lüttwitz begründet den Rückzug gegenüber der Heeresleitung so „Das Zurückgehen war aufgrund des Einbruchs des Gegners in Polsum, Buer und Bottrop notwendig geworden und wurde aufgrund fernmündlichen Antrages genehmigt.

"Bottrop war so aufgegeben und geräumt"

Letzte Verteidiger der Stadt waren die Soldaten der Infanteriedivision „Hamburg“. Sie hielten die Front im Norden und Westen. Historiker Ludger Tewes: „Die deutsche Führung sah den relativen Erfolg am 30. und 31. März keineswegs als eigene Erstarkung. Vielmehr befürchtete sie, dass die Amerikaner die Infanteriedivision in einer plötzlichen Kräfteanstrengung aus Bottrop wegfegen würden. In der Nacht vom 31. März zum 1. April erhielten schließlich alle deutschen Kampfverbände nördlich des Rhein-Herne-Kanals den Befehl, sich von den Amerikanern zu lösen und möglichst unbemerkt hinter die Wasserbarriere zurück zu ziehen. Bottrop war so aufgegeben und geräumt.“