Was ziehe ich an?

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ie Sorge darum, ob unser Sohn sich wohl gründlich genug auf seine Abiturprüfungen vorbereitet hat ist längst einer noch größeren Sorge gewichen: Was soll ich beim Abi-Ball anziehen? Es geht ja nicht um mich, aber es soll sich auch niemand für mich schämen müssen.


Im Beruf habe ich es da leichter. Der schwarze Talar, Amtstracht der Pastorin, kaschiert gnädig alle Rundungen, eine schlanke Taille ist keine Voraussetzung, lediglich die Schuhe sollten gepflegt und sauber sein. In der evangelischen Kirche steht traditionell im Gottesdienst „das Wort“, die Auslegung der Bibel, im Mittelpunkt. Die Kleidung der Geistlichen soll nicht ablenken, darum tragen wir die Amtskleidung der Gelehrten des Mittelalters, in „freundlichem Schwarz“.


Hin und wieder wird darüber diskutiert, denn auch evangelische Gottesdienste sollen stärker alle Sinne ansprechen, was durch farbige oder helle liturgische Kleidung unterstützt werden könnte. Jesus hatte diese Sorgen offenbar nicht. Bis ich ein passendes Kleid gefunden habe und bis die evangelische Kirche eine gemeinsame Regelung für die Kleidung der Geistlichen gefunden hat, beruhige ich mich gern mit Worten von Jesus, der zu den Sorgen seiner Zeitgenossen bemerkte: „Warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen. Auch der König Salomo in aller seiner Herrlichkeit ist nicht gekleidet gewesen wie eine von ihnen.“ (Matthäusevangelium Kapitel 6, Vers 28 + 29)


Sicher werde ich nicht unbekleidet zur Feier gehen. Gute Laune und ein freundliches Gesicht sind im Zweifelsfall wichtiger als das perfekte Kleid. Während ich noch auf der Suche bin, kann ich mich ja in Ruhe um die Menschen kümmern, deren Probleme drängender sind als meins.