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Vom Un-Ort zum Kunst-Ort

15.08.2012 | 10:00 Uhr
Vom Un-Ort zum Kunst-Ort
Kunst unter dr Brücke: Ausstellung zum 33-jährigen Bestehen des Künstlerbundes unter der Eisenbahnbrücke am Hauptbahnhof. Foto: Schweizer

Bottrop. 33 Jahre Künstlerbund Bottrop: Ob es an der so genannten Schnapszahl liegt oder die renommierte Vereinigung von Kunstschaffenden in der Stadt einfach mal etwas Verrücktes machen wollte, lässt sich aus der Retrospektive nicht mehr im Detail rekonstruieren. Immerhin: Eine Kunstaktion unter (fast) freiem Himmel, wie die aktuelle Inszenierung der großen Plakatwände unter der Eisenbahnbrücke beim Hauptbahnhof hat es seit 25 Jahren nicht mehr gegeben. Das sagt Reinhard Wieczorek. Nur damals habe man auf Initiative des damals noch existierenden Bottroper Kulturrates auch noch draußen gemalt, erinnert sich einer der bekanntesten Maler der Stadt.

Kunst im Großformat

Das ist heute anders. Eine Live-Aktion unter den Brücken an der vielbefahrenen Essener Straße hätte bei den zu bespielenden üppigen Flächen auch den bekennenden Liebhaber des großen Formates leicht schlucken lassen. Jetzt griffen Reinhard Wieczorek und seine sieben Kolleginnen und Kollegen, die die erste Halbzeit der zweiteiligen Außen-Schau bestreiten, zu anderen Techniken. Sie ließen ihre Arbeiten fotografieren, dann auf die Größe der Plakate bringen, wieder zerteilen und von Plakatklebern der Firma Ströer (die die Flächen für die Kunstaktion kostenlos zur Verfügung stellt) fachmännisch kleben. So beschreibt Karl Kraft, Inhaber der gleichnamigen Werbeagentur, das technische Vorgehen, das er für den Künstlerbund maßgeblich verantwortete.

So passiert, wer stadteinwärts kommt, die üppigen Farbflächen von Odile Meier-Dusol oder die eher in sich ruhende Arbeit von Irmelin Sansen, deren vielgestaltige Oberfläche in der starken Vergrößerung eine neue, überraschende Sicht hervorruft.

Stadtauswärts fährt der Besucher (besser noch: er läuft) an der „Brandung“ des wogenden Farbmeeres von Claudia Brüggemeier vorbei, passiert die „Schraubengesichter“ des Fotografen Bernd Stappert, die kollagenartigen Übermalungen von Werner Jelinek und landet am Ende beim riesigen Elefanten von (und selbst mit im Bild) Reinhard Wieczorek. Der Elefant wird einigen Bottropern bekannt vorkommen. Nur dass die Arbeit jetzt „Herzlichen Glückwunsch“ heißt und am unteren Bildrand 33 gefüllte Rotweingläser fast in Reih und Glied stehen. Die Ausfahrt aus der Stadt könnte weitaus ungastlicher ausfallen.

Durch die Kunst - wenngleich sie bis Anfang September leider nur temporär daherkommt - verändert der Ort seinen Charakter, auch wenn die Arbeiten nicht speziell für diese Schau geschaffen wurden. Sie stellen vielmehr einen Ausschnitt dar aus der gesamten Bandbreite der insgesamt 34 Kunstschaffenden, die zurzeit Mitglied im Künstlerbund sind. Nach den ersten acht Arbeiten, die bis 23. August zu sehen sind (darunter noch Agens Fockenberg und Guido Hoffmann), folgen einen Tag später die Werke acht weiterer Mitglieder, bevor die Aktion am 3. September endet.

Auch wenn die Kunst dort zwar am Wege, aber nicht mitten in der Stadt liegt und Fußgänger in diesem Abschnitt eher zur Minderheit im Verkehrsraum gehören, hofft der Künstlerbund auf reges Interesse. „Wir haben bewusst diesen Un-Ort gewählt, der stark frequentiert wird“, sagt Irmelin Sansen. Außerdem sei es wichtig gewesen, zusammenhängende Plakatflächen zu bekommen, eine Anforderung, die in der Stadt nicht allzu häufig anzutreffen sei, so die Vorsitzende des Künstlerbundes.

Seit 1985 ohne festes Domizil

Aber vielleicht lässt sich dieser Ort auch als Bild für den Verein deuten. Denn der Künstlerbund ist gewissermaßen „on the road“, unterwegs ohne festes Domizil - und das immerhin seit 1985. Damals musste man den Pavillon am Kreuzkamp (Ecke Gladbecker-/Gerichtsstraße) aufgeben, da die Stadt Parkraum schaffen wollte. Dass seit 2008 auch jegliche Förderung, institutionell wie projektbezogen, wegfällt, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Dirk Aschendorf



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