Stimmgewaltig und nuanciert
06.01.2012 | 15:56 Uhr 2012-01-06T15:56:00+0100
Mit dem Ensemble „Stimmwerck“ gastierten erstmals anerkannte Spezialisten für Musik aus dem Spätmittelalter und der Renaissance beim Festival Orgel Plus, das am kommenden Sonntag zu Ende geht.
Novum im Programm des Festivals „Orgel Plus“: Erstmals gastierten anerkannte Spezialisten für die frühe Musik aus dem Spätmittelalter und der Renaissance). Das vierköpfige Ensemble „Stimmwerck“ aus München, vor gut zehn Jahren gegründet, und der international renommierte Cembalist (Musica antiqua, Köln) und Organist Léon Berben warteten in Herz Jesu mit Kompositionen aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert auf. Damals entstand so etwas wie der „europäische Stil“ mit emotionalen und religiösen Inhalten – wobei in den Ländern, vor allem in Italien, in Frankreich und Flandern, durchaus noch unterschiedlich gesungen und gefiedelt wurde. Aber es gab Gemeinsamkeiten und historische Wurzeln. Und in jener Epoche wurde die Musik erstmals gewissenhaft „notiert“. Sie konnte somit „überliefert“ und weiter gereicht werden.
Scheinbar ferne Welt
„Stimmwerck“ – das sind der Countertenor Franz Vitzthum, die beiden Tenöre Klaus Wenk und Gerhard Hölzle sowie der Bassbariton Marcus Schmidt. Betörend führen sie in eine scheinbar ferne Welt, die jedoch oft in Harmonien oder der Technik der Parodie so modern und zeitgenössisch klingt.
Heutige Komponisten wie Olivier Messiaen, Stefan Heucke oder Arvo Pärt greifen gern auf diese Anfänge des mehrstimmigen Stils zurück. „Stimmwerck“ beherrscht die starke Kunst des Leisen mit imponierender Leichtigkeit und Eleganz. Jede Stimme hat in dem Quartett Gewicht.
Die Kirche, die musica sacra, die Liturgie öffneten den Weg zu neuen Regeln der musikalischen Interpretation. Komponisten, Sänger und Instrumentalisten nahmen die neuen Möglichkeiten des Ausdrucks, der geistlichen und geistigen Hingabe gern wahr. Arnolt Schlick, Guillaume Du Fay, Francesco Landini, John Dunstable, Rudolfus von Häringen, Hans Kotter oder Gilles Binchois u.a. stehen für diese Bewegung in jenen aufrüttelnden Epochen. Sie alle wurden von „Stimmwerck“ oder von dem glänzenden Orgelsolisten Berben (Köln) gewürdigt: im alten, strengen, ja sogar asketischen Klanggewand. Hört man sich ein, entdeckt man schnell Schönes, Ergreifendes, Belehrendes oder Unterhaltendes.
Mariengesänge und Teile des so genannten „Buxheimer Orgelbuchs“ bildeten die Schwerpunkte dieser wie eine katholische Vesper angelegten Geschichtsreise. Durch häufigen Besetzungswechsel beim „Stimmwerck“ kamen schnell Kontraste ins Spiel. Dennoch herrschte der Eindruck vor: Das Programm wirkte wie eine Folge inniger, zarter, subtiler, manchmal jedoch auch bildhafter Gebete an Gott, Jesus, Maria oder die Heiligen.
Die rund 200 Gäste verabschiedeten Mini-Chor und Organist mit Ovationen. Der Dank: eine weitere Marien-Komposition.
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