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Musik

So sanft wie ein Wiegenlied

15.05.2011 | 18:35 Uhr
So sanft wie ein Wiegenlied
Der Leverkusener Oberton-Chor „Harmonic Vibrations“ gab in der Martinskirche ein beeindruckendes Konzert: ein Musikerlebnis der besonderen Art als Rückführung zur Stille. Foto: Olaf Fuhrmann / WAZ FotoPool

Bottrop.Fangen wir am Ende an. Gewisserweise als Zugabe holte der Leverkusener Oberton-Chor „Harmonic Vibrations“ (Harmonische Schwingungen), unter Leitung von Gründer Wolfhard Barke, am Schluss seines Programms in der ev. Martinskirche das Publikum gemeinsam ab. Eine ganze Kirche „tönte“. Die elf Mitglieder mischten sich „unters Volk“. Alle sangen, summten, stimmten ein in die wellenartigen „harmonic vibrations“. Ein Musikerlebnis der besonderen Art als Rückführung zur Stille . . .

Werner Worschech, Initiator und Kurator der Konzertreihe „Oberton vor Ort“, dürfte sich über diese homogene Einheit im scheinbar unbekannten, ja exotischen Ton-Land sehr gefreut haben. Weil dieser Ausklang seinem Ideal von der Einklang-Einfachheit menschlicher Emotionen ganz nahe kam. Obertonmusik spürt den Spektraltönen eines Klanges (wie der Regenbogen bei dem Farbphänomen) nach. Oder wie das Licht aus der Summe einzelner Farbspuren entsteht.

Diese „Musik der Entschleunigung“, also eine konträre Antwort auf den hektischen Zeitgeist, führt zurück in verschiedene Ethnien in Asien (tibetanische Mönchslitanei), Amerika (kultische Indianer-Sprache), Eurasien (Kreisen der türkischen Derwische von Konya) oder Afrika (Tanzgesang als soziale Kommunikation). Diese Klänge dürften auch einen Richard Wagner im 19. Jahrhundert in Europa inspiriert haben. Seine Motive für den „Ring des Nibelungen“ entstammen dem Umkreis einer seelischen Oberton-Philosophie. Deshalb wiederum wirkt dieser Klang, von den Gästen vokal und instrumental erzeugt, auch hochmodern, ganz aktuell.

Die Musikwelt erinnert sich so an ihre (gemeinsamen!) humanen, ri-tuellen Ursprünge. Die Barke-Gruppe, mehrheitlich Musiklaien (!), versteht sich als stimmliche Formation wie als Instrumenten-Team. Didgeridoo, Schellen, Klangschalen, Monochord, Gong, Klappern, Tambourin, Rasseln etc. wetteifern mit vokalen Dialogformen. Geste, Gebärde, das Aufeinanderzugehen zielt in Richtung Tanz und Ansprache - und auf gemeinschaftlich in-ternes Selbstverständnis einer Musik-Klang-Ästhetik. Man fühlt sich bei Obertönen geborgen wie in einer sozialen Heimat . . .

Die Musik umschmeichelt sanft wie ein Wiegenlied für das Baby den erwachsenen Zuhörer in der Kirche. Aus dem erst fremdartigen Klang wird bald ein willkommenes Bad für die Seele, für das Herz, für unsere Gefühlswelt. Der Chor aus Bergisch Neukirchen (Leverkusen) fasziniert als Individual-Architektur mit stimmlichen Facetten. Wolfhard Barke „trimmt“ seine Choristen auf schöne Geschlossenheit - und billigt dennoch jedem seine subjektiven Möglichkeiten selbst bei resonanzreichen Improvisationen zu. Das ist ein kultureller Ansatz, der Schule machen sollte. Nicht nur bei Chören.

Hans-Jörg Loskill

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