Schüler tanzen sich aus dem Abseits

Mitglieder des Tanz- und Theaterensembles mit äthiopischen Jugendlichen aus Israel bei der Aufführung des Stücks „Billy Elliot“ im Lichthof des Bottroper Berufskollegs.
Mitglieder des Tanz- und Theaterensembles mit äthiopischen Jugendlichen aus Israel bei der Aufführung des Stücks „Billy Elliot“ im Lichthof des Bottroper Berufskollegs.
Foto: FUNKE FotoServices
Äthiopische Jugendliche aus Israel machten mit ihrem Ensemble auf der Deutschlandtournee einen Abstecher ins Berufskolleg und zeigten das Tanzstück „Billy Elliot“ in hebräischer Sprache

Bottrop..  Sie sprechen hebräisch, gehören weit überwiegend dem jüdischen Glauben an und leben in Israel. Alles klar, könnte man meinen. Aber die Darsteller aus dem Kinder- und Jugend-Dorf, die jetzt mit ihrer Theatergruppe im Berufskolleg auftraten, stammen aus Äthiopien - und sind irgendwann in Israel angekommen, stammen vielfach aus schwierigen Verhältnissen, sind häufig Waisen oder Halbwaisen und in ihrer neuen Heimat oft kaum inte-griert.

Sprungbrett für eine Kunst-Karriere

Im Lichthof sitzen Bottroper Schülerinnen und Schüler, etwa im selben Alter, so zwischen 15 und 18 Jahren. Die schwarzen Israelis zeigen das Stück „Billy Elliot“. Auf Hebräisch. Um es gleich vorweg zu sagen: Es funktioniert, auch hier in Bottrop. Manche mögen sich an den gleichnamigen Film erinnern, der vom Aufstieg des Billy Elliot aus der englischen Arbeiterklasse in den Olymp des klassischen Balletts erzählt.

Diesen Stoff nahm Regisseur Rami Lev jetzt als Grundlage für seine Geschichte, die im schwarzen Boxer-, Gangster- und Drogenmilieu spielt. Sein Billy - hier von dem virtuos und ausdrucksstark tanzenden Ben Samei gespielt - ist allerdings kein Prinz aus „Giselle“ oder „Schwanensee“ wie der Billy im Film. Seine Welt ist der Rap oder Streetdance, eventuell noch das Musical. Tanzen statt boxen ist sein Motto, von dem er schließlich auch den Vater (Juval Malase) und die übrige Familie überzeugt. Sprachbarrieren scheint es nach einer Viertelstunde im Lichthof nicht mehr zu geben. Die fast ausnahmslos starken Akteure machen durch Ausdruck und Tanz wett, was an Dialogen im Detail untergeht. Sprünge, Formationen, Billys virtuose Salti, raumgreifende Gesten und zum Teil starke Stimmen, wie von Gangsterboss Bartolomei - gespielt von Biro Tesale - lassen die beiden aufeinander prallenden Welten des Stücks zum Teil drastisch lebendig werden - und der Applaus ist nach einer guten Stunde dementsprechend groß.

Kein Wunder, dass Billy-Darsteller Ben Samei, der sich immerhin ein halbes Jahr intensiv auf diese Produktion vorbereitet hat, nach seinem Schulabschluss im nächsten Jahr Tanz studieren möchte. Er lebt im Kinder- und Jugenddorf in der Nähe von Tel Aviv und ist froh über die Möglichkeiten, die ihm dort geboten werden. Im Gegensatz zu manchen seiner Kameraden hat er zwar noch Vater und Mutter. Auch sie leben nicht allzu weit vom Kinderdorf entfernt, könnten ihm aber diese Chancen allein nie eröffnen.

Berliner Jüdin gründete 1933 die Hilfsorganisation, die bis heute tätig ist

Israel ist ein Einwanderungsland und war lange vor allem Ziel vieler vom Faschismus verfolgter oder überlebender Menschen aus Europa. Die Kinder- und Jugend-Aliyah, was etwa den Kinderdörfern hier zu Lande entspricht, zu dem auch die Theatergruppe gehört, die jetzt im Berufskolleg zu Gast war, wurde 1933 von der Berliner Jüdin Recha Freier gegründet. Damals sollten jüdische Kinder vor der Nazi-Verfolgung gerettet und ins noch englische Palästina gebracht werden.

„Bis heute setzen sich diese Dörfer für Migrantenkinder und soziale Gruppen ein, die es auch in Israel schwer haben“, sagt Pava Raib-stein, die von Frankfurt aus die Tournee der Theatergruppe organisiert. Dass auch der künstlerische Beauftragte für diese Einrichtungen im israelischen Erziehungsministerium, David Cohen-Levi, dabei ist, zeigt, welchen Stellenwert man in Isreal diesen Projekten beimisst.

„Für uns ist Kunst ein wichtiges Medium,Begabungen zu erkennen und weiter zu entwickeln“, so Cohen-Levi. Alle zwei Jahre entsteht in diesem Jugenddorf ein neues Stück, mit dem die Jugendlichen auf Tour gehen.

„Der Kontakt nach Bottrop kam zu Stande, weil das Berufskolleg Europaschule ist, die jungen Israelis sich auch über das deutsche duale System der Berufsausbildung informieren wollen, aber auch, weil politische Bildung und Toleranz bei uns wichtige Themen sind“, sagt Astrid Hillenbrand vom Berufskolleg.

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