Pianistin Nadia Singer mit Ovationen verabschiedet

Die Pianistin Nadia Singer mit Lutz Görner beim Beethoven-Abend im Kammerkonzertsaal.
Die Pianistin Nadia Singer mit Lutz Görner beim Beethoven-Abend im Kammerkonzertsaal.
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Was wir bereits wissen
Beethoven-Abend mit Pianistin Nadia Singer und Lutz Görner im Bottroper Kammermusiksaal.

Bottrop..  Genie oder Ekelpaket, umjubelt oder gehasst: Die Meinungen der Zeitgenossen über Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) fallen extrem kontrovers aus. Zu seiner Beerdigung in Wien sollen über 20 000 Menschen gekommen sein – weil sie diesen „Klassik-Koloss“ verehrten.

Nadia Singer, aus Russland stammende, in Weimar lebende Pianistin auf dem Sprung zur Weltkarriere, und Altmeister Lutz Görner, der den Deutschen in seinen beispielhaften Rezitationsprogrammen über Jahrzehnte die Lyrik nahe brachte, huldigten dieser „ungebändigten Persönlichkeit“ (Johann W. von Goethe über Beethoven) in einem Abend über „Sein Leben, seine Musik“.

Der leider nur halb volle Kammermusiksaal, auf dessen Podium als atmosphärisches Szenarium ein Großfoto des Wiener Konzerthauses „thronte“, war der angemessene Ort für diese Verbeugung vor einem der bedeutendsten Komponisten an der Schwelle zur Romantik.

Wobei Görner weniger die musikalische Entwicklung in seinem eindringlichen Vortrag nachzeichnete – für diesen Part war die vom Auditorium mit Ovationen verabschiedete Nadia Singer, gerade zur 1. Preisträgerin beim Rachmaninow-Wettbewerb in Frankfurt gekürt, zuständig. Waldstein- und Mondschein-Sonate, Rondo C-Dur als Werk eines Kindes und die drei Sätze der großen „Apassionata“ dienten der ebenso sensiblen wie sinnlichen Annäherung an einen Star des frühen 19. Jahrhunderts, der Riesenprobleme mit Menschen (selbst mit denen, die ihn förderten oder schätzten) hatte.

Krankheitsbedingt? Launisch? Dämonisch? Rätselhaft? Es gibt noch heute viele Fragen um diesen Reformer und Klavier-Heroen, den später Theodor W. Adorno als „wankelmütig, eitel, kalt, bengelhaft“ beschrieb. Der aber auch die gute Seite Beethovens betonte. Er sei auch der „wärmste Freund, gutmütig und edel“ gewesen.

Görner, mit variablem Sprachgestus, und die junge Ausnahme-Virtuosin an den Bösendorfer-Tasten entwarfen das Bild eines von Leid und Leidenschaften geprägten Künstlers. Es machte großen Spaß, dem Duo zuzuhören. Görner wies auch auf die kulturpolitische Entwicklungsachse Beethoven-Karl Czerny (Schüler)-Franz Liszt (Schüler von Czerny) hin: Ohne dieses Trio sähe die Musikgeschichte anders aus.