Muslime suchen das Gespräch mit Christen

Fatima Kassem hat ein großes Ziel: Sie möchte dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen zu verbessern.
Fatima Kassem hat ein großes Ziel: Sie möchte dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen zu verbessern.
Foto: Labus / FUNKE Foto Servises
Was wir bereits wissen
Die Jugendgruppe Taha, die sich regelmäßig in Bottrop trifft, organisierte eine Weihnachtsaktion: Die Mitglieder besuchten Bewohner von Senioreneinrichtungen und ein Kinderheim in Essen.

Die Muslimin Fatima Kassem ist, wie Christen und Atheisten auch, entsetzt über die bestialischen Anschläge in Frankreich. „Diese Attentäter stehen in keiner, in absolut keiner Verbindung zum Islam“, beteuert sie. „Wenn es ihre Intention war, Bilder des Propheten Mohammed zu demolieren, dann haben sie mit ihren Verbrechen viel, viel mehr zerstört, als Karikaturen es vermögen.“ Die 20-jährige Studentin hat ein großes Ziel, und das möchte sie unbeirrbar weiter verfolgen: Sie setzt sich gemeinsam mit der muslimischen Jugendgruppe „Taha“ von der Gemeinschaft Libanesischer Emigranten (G.L.E.) für einen Austausch zwischen Christen und Muslimen ein.

Gespräch über Heimat der Vorfahren

Die Weihnachtsaktionen der etwa 30 Mitglieder starken Gruppe, die sich regelmäßig in den Räumen der Moschee des „Imam Al Rida Zentrums“ an der Essener Straße in Bottrop trifft, sorgte bereits in den sozialen Netzwerken für großes, zustimmendes Echo. Die Idee dazu hatten Jussra Ibrahim und Malek Mehme schon Weihnachten 2013. Die anderen Mitglieder der Jugendgruppe waren sofort begeistert. „Wir haben alle gedacht, wir sollten etwas für den Dialog tun, miteinander ins Gespräch kommen“, sagt die außerordentlich engagierte junge Frau.

Also entschieden sich die jungen Leute dafür, Weihnachten Menschen zu besuchen, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten. „Wir sind in Senioreneinrichtungen gegangen“, erzählt Fatima Kassem. „Wir haben den Bewohnern und den Betreuern zum Fest gratuliert und uns mit ihnen unterhalten.“

Im folgenden Jahr, Weihnachten 2014, hätten sie die Aktion noch ausgeweitet. Sie besuchten mehrere Senioreneinrichtungen und ein Kinderheim in Essen. „Wir haben Rosen für die Erwachsenen mitgenommen und Schokolade.“ Die Kinder hätten Spielzeug bekommen.

„Mit den älteren Leuten haben wir in kleinen Gruppen zusammengesessen.“ Die Bewohner hätten überwiegend positiv reagiert. „Sie wollten von uns wissen, was wir Weihnachten machen“, berichtet sie über das Echo. Andere hätten den Wunsch geäußert, eine Moschee zu besichtigen. Und viele Bewohner, deren Vorfahren wie die der jungen Muslime aus anderen Ländern ins Ruhrgebiet gekommen sind, hätten davon erzählt. „Wir haben so viele Gemeinsamkeiten“, sagt die junge Studentin, „obwohl wir aus unterschiedlichen Kulturen kommen.“ Sie alle strebten, gleich welcher Kultur sie angehören, nach Zufriedenheit, Glück, nach Frieden. „Eine Frau hat mit mir über die Heimat ihrer Eltern geredet, ich habe von der Heimat meiner Eltern erzählt“, sagt Fatima Kassem, deren Eltern aus dem Libanon hierher gekommen sind.

Inzwischen hätten sich junge Muslime aus ganz Deutschland im sozialen Netzwerk Facebook gemeldet, die die Aktion in ihren Städten wiederholen wollten. Und genau dies sei auch ihr Wunsch: andere Menschen anzuregen, sich ebenfalls für den Dialog einzusetzen.

Ansporn gibt der Glaube

Ansporn für ihren Einsatz für ein besseres Miteinander finde sie in ihrem Glauben, sagt Fatima Kassem spontan, ohne lange überlegen zu müssen. „Der Islam sagt: Der Mensch ist entweder mein Bruder in der Religion oder er ist mir ebenbürtig als Mensch.“ Sie nimmt diesen Satz offensichtlich sehr ernst. Dennoch befürchtet Fatima Kassem, die so viel Optimismus ausstrahlt, dass die abscheulichen Anschläge in Frankreich das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen beeinträchtigen, dass Muslime unter eine Art Generalverdacht gestellt würden. „Man soll das alles nicht in einen Topf werfen“, kritisiert sie. „Die Menschen sollten einen Unterschied machen zwischen dem Islam, einer friedlichen Weltreligion, und Terrorismus.“

Doch trotz allem, ihre Motivation, zu einem friedlichen Miteinander der Kulturen und Religionen beizutragen, sei nach den entsetzlichen Ereignissen eher noch gewachsen. „Es ist und bleibt wichtig“, davon ist sie nach wie vor fest überzeugt.