Musikmarathon für eine Kultfigur

Das „Moondog 99-Festival“ in der Kulturkirche Heilig Kreuz. Leonie Mayer, Stefan Lakatos und das Streicher Ensemble Bracelli.
Das „Moondog 99-Festival“ in der Kulturkirche Heilig Kreuz. Leonie Mayer, Stefan Lakatos und das Streicher Ensemble Bracelli.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
in der Kulturkirche Heilig Kreuz erklangen in einem wahren Marathon Werke des exzentrischen Musikers und Komponisten, der in diesem Jahr 99 Jahre alt geworden wäre. Die 99 war für den gebürtigen Amerikaner so etwas wie eine magische Zahl.

Bottrop..  Musiklegenden wie Billie Holiday oder Frank Sinatra feiert man in diesem Jahr aus Anlass ihres 100. Geburtstags. Moondog dagegen ist eine Legende der etwas anderen Art. Sein Geburtstag jährt sich zum 99. Mal – für seine Getreuen Grund genug, ihn mit einem „Moondog 99“-Festival in der Kulturkirche zu feiern - was dem Meister sicher gefallen hätte. War doch der blinde amerikanische Komponist, der am 26. Mai 1916 im US-Bundesstaat Kansas als Louis Thomas Hardin zur Welt kam und am 8.9. 1999 in Münster verstarb, ein Anhänger der Zahlenmystik. Die Neun hatte für ihn besondere Bedeutung.

Eigenes Instrumentarium

Die muss man nicht kennen, um sich von Moondogs Musik bezaubern zu lassen, doch man sieht die Absicht der Veranstalter, Moondog ganz in dessen Sinne zu präsentieren. Vor allem nahmen sie seinen Anspruch ernst, als Komponist statt als Exzentriker wahrgenommen zu werden. Sie verzichteten auf alles Anekdotische, Skurrile und rückten Moondogs Musik ins Licht. Ob ein gut fünfstündiger Marathon mit knapp 75, wenn auch kurzen, Stücken dazu beiträgt, Moondogs Status als Geheimtipp oder „Kultfigur“ zu überwinden und seine Musik einem größeren Publikum nahe zu bringen, ist die Frage. Im halb besetzten Saal hielten nur die Hartgesottenen bis zum Ende durch.

Ein Saxophon-, ein Streichquintett und ein gemischter Chor, Pianistin Mariam Tonoyan, Bratschist Klaus König und Organist Fritz Storfinger: Sie alle haben sich in besonderer Weise Moondogs Musik verschrieben und stellten jetzt dessen Werke vor, durchweg geleitet von dem Perkussionisten Stefan Lakatos, der die charakteristisch treibenden Moondog-Beats, die ¾, 5/4, 7/8, aber auch mal monoton gerade Metren, auf der Trimba schlug.

Für seine ungewöhnliche Musik erfand Moondog ungewöhnliche Instrumente, allen voran die Trimba, gespielt von Stefan Lakatos, dem vom Meister autorisierten Sachwalter des Moondog-Beats. Sie besteht aus zwei aneinander befestigten, dreieckigen Röhrentrommeln verschiedener Länge. Ein am Holzrahmen angebrachtes Becken schwingt nur mit. Statt mit Stöcken schlug Lakatos mit Rumbakugel und Klangstab auf Felle und Rahmen. Ein Schellenarmband untermalte die aus Trommelschlag und Klackern zusammengesetzten Rhythmen mit stetem Rasseln.

Schon beim Opener „Dog Trot“ mit dem Saxophonquintett „Spirit of Moondog“, wurde klar, was den Charme ausmacht: Die Musik klingt leicht, ist aber tiefgründig. Kurze, sangbare Themen, oft wiederholt, versetzt, weben ein Geflecht aus Stimmen und Gegenstimmen, das an Barock wie an Minimal Music erinnert. Klar, dass Steve Reich und Philip Glass in Moondog ihren „leader of the pack“ sehen.

Nur folgte dieser dem guten, alten Kontrapunkt – und stand damit Bach näher als den Minimalisten. Er schrieb Kanons und Madrigale, bediente sich alter Kompositionstechniken, um eine Gegenwartsmusik zu schaffen, die sich allen Stilschubladen entzieht. Zugleich verweigert sie die große Geste und den dramatischen Schlussakkord, bleibt verhalten im Ausdruck, entwickelt aber einen Sog, der den Hörer mitnimmt.