Mit einer Förderkraft klappt der Unterricht

Mathe-Lehrerin Sonja Droste beim gemeinsamen Unterricht in der 5b der Janusz-Korczak-Gesamtschule.
Mathe-Lehrerin Sonja Droste beim gemeinsamen Unterricht in der 5b der Janusz-Korczak-Gesamtschule.
Foto: Labus / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die WAZ durfte die Klasse 5 b an einer Gesamtschule besuchen und beim gemeinsamen Lernen zuschauen. Der Ablauf verläuft reibungslos. Doch es gibt auch andere Tage.

Bottrop.. Mathe ist trocken? Nicht hier: „Neue Möbel kaufen“ heißt das Thema für die 5b der Janusz-Korczak-Gesamtschule. Neugierig sind wir, wie sich der Unterricht in einer Klasse des gemeinsamen Lernens gestaltet.

Ein Kind mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf „Lernen“ gehört zum Klassenteam, haben wir vorher gehört. Bemerken tun wir das nicht – alle Kinder packen die Lösung des Problems an, das Mathelehrerin Sonja Droste ihnen stellt. Förderschullehrer Ralf Forreiter, der die Stunde mit der Regelschullehrerin im Team gestaltet, hat nicht nur das Förderkind, sondern die Klasse im Blick. Mit seinem praktischen Ansatz gibt er Anstöße, die vielen Schülern zu Gute kommen. Genau so soll es sein. Schulleiter Detlef Grzebellus: „Der Gedanke der Inklusion ist, dass alle unabhängig von einem bestimmten Förderbedarf gemeinsam lernen.“

Und gelernt wird heute, mit Längen zu rechnen. Passen ein 170 Zentimeter breites Regal und ein ein Meter breiter Schreibtisch an eine vier Meter lange Wand? Während die Kinder still rechnen, ist Forreiter an verschiedenen Tischen unterwegs, um bei Bedarf Hilfestellungen zu geben. Zur Vertiefung bildet das Lehrer-Team dann die Expertengruppen „Rechnen“ und „Messen“: Mit der Messgruppe wechselt Vorreiter in den Förderraum.

Alle können profitieren

Hier stehen die Tische im Kreis. Es gibt auch einen Rückzugsbereich, in dem Kinder mit dem Förderschwerpunkt „Emotionale und soziale Entwicklung“ zur Ruhe kommen können, wenn sie aufgebracht sind. Die Atmosphäre in der Messgruppe ist allerdings entspannt, die Kinder legen ihre Zollstöcke an Möbelstücke an. „Gerade in Mathe gibt es viele Kinder, die einen handlungsorientierten Zugang brauchen“, weiß Sonja Droste – ganz unabhängig von einem anerkannten Förderbedarf. Später werden zwei Messexperten ihre Ergebnisse präsentieren. „Wir gehen immer von den Stärken der Kinder aus“, nennt Ralf Forreiter einen wichtigen Grundsatz. Vom gemeinsamen Lernen können auf diese Weise alle Kinder profitieren.

Wobei: So reibungslos läuft der gemeinsame Unterricht nicht immer. Es kommt vor, dass Kinder stark verhaltensauffällig werden – und nicht immer ist dann gerade auch der Förderschullehrer in der Klasse. „Ralf Forreiter bringt viele Expertentipps mit, das ist für uns ein Segen“, sagt Sonja Droste. Entsprechende Fortbildungen sind gefragt.

Kinder mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ bekommen keine Noten, sondern Bemerkungen. Wer einen Förderbedarf hat, werde aber an der Gesamtschule sowieso von vorneherein kommuniziert, so Grzebellus: „Zusammenleben klappt nur bei gegenseitigem Respekt und Achtung voreinander.“

Erfahrung gesammelt

Erfahrung mit gemeinsamem Lernen hat die Janusz-Korczak-Gesamtschule auch schon gemacht, bevor der Rechtsanspruch auf Inklusion zum Schuljahr 2014/15 wirksam wurde. Wurde etwa früher im Verlauf des 5., 6. Schuljahres bei einem Schüler ein Förderbedarf festgestellt, bestand die Möglichkeit, im Klassenverband zu verbleiben statt an eine Förderschule zu wechseln, so Schulleiter Detlef Grzebellus.

Ganz neu für die Schule sind Kinder mit dem Förderbedarf „Lernen“. Sie werden zieldifferent unterrichtet, bekommen etwa andere Klassenarbeiten gestellt, während die Jungen und Mädchen mit dem Schwerpunkt „Emotionale und soziale Entwicklung“ die gleichen Abschlüsse anstreben wie die Regelschüler. Ziel des gemeinsamen Unterrichts kann die Aufhebung des Förderbedarfs sein. Für körperbehinderte Kinder ist die Gesamtschule baulich (noch) nicht ausgestattet.

Aktuell lernen in den drei Klassen der Jahrgangsstufe 5 (je 27 bis 29 Schüler) insgesamt neun Kinder mit Förderbedarf; eventuell wird im weiteren Verlauf auch noch bei weiteren Fünftklässlern ein Förderbedarf offiziell festgestellt. Zur Unterstützung ist ein Förderschullehrer in der gesamten Stufe fünf im Einsatz, unterrichtet vor allem in den klassischen Hauptfächern zusammen mit den Regelschullehrern und springt möglichst immer dann ein, wenn ein Kind die Verhaltenssteuerung verliert.

Wünschen würden sich Grzebellus und seine Kollegen mehr Personal zur Umsetzung des gemeinsamen Lernens, ideal wäre eine Unterstützung in jeder Unterrichtsstunde. „Es muss ja nicht immer ein Förderschullehrer sein, auch ein Sozialpädagoge kann helfen“, meint der Schulleiter, denn: „Inklusion braucht Ressourcen“.