Lehrer erleben Schüler jetzt anders

Heiner Laubinger, Dirk Steiner und  Marlies Overdieck (v.li.) berichten von ihren Erfahrungen.
Heiner Laubinger, Dirk Steiner und Marlies Overdieck (v.li.) berichten von ihren Erfahrungen.
Foto: Labus / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Pädagogen der Marie-Curie-Realschule berichten über das erste Halbjahr, in dem das gemeinsame Lernen praktiziert wird. Ihr Fazit: Unterm Strich eine positive Entwicklung.

Bottrop..  Als erste Realschule im Stadtgebiet wurde die Marie-Curie-Realschule zum Schuljahrsbeginn ein Ort des Gemeinsamen Lernens. Sechs Kinder mit Sonderschul-pädagogischem Förderbedarf werden seither in der fünften Klasse unterrichtet, in anderen Jahrgängen gibt es Einzelförderungen. WAZ-Redakteurin Andrea Kleemann sprach mit Schulleiterin Marlies Overdiek, Dirk Steiner, Klassenlehrer der 5a, und Sonderpädagoge Heiner Laubinger über erste Erfahrungen.

Welches Fazit können Sie nach dem ersten Schulhalbjahr ziehen?

Marlies Overdiek: Wir hatten uns ja schon im Vorfeld mit dem Thema Inklusion auseinandergesetzt, Fortbildungen gemacht und im Kollegium gefragt, wer im Gemeinsamen Unterricht unterrichten möchte. Durch die Offenheit des Kollegiums gab es gute Startbedingungen.

Dirk Steiner: Aber wir spürten auch gleich die Probleme, als der Förderlehrer durch Krankheit ausfiel. Zahlenmäßig passt alles, aber wenn es dann anders kommt…

Warum haben Sie sich für den Gemeinsamen Unterricht gemeldet?

Steiner: Wichtig ist die Haltung, die man als Lehrer zu seinen Schülern hat. Ich habe ein humanistisches Menschenbild, jeder Mensch ist für mich gleichwertig - unabhängig von Förderbedarf oder Religion.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Steiner: Die Vorbereitungszeit für den Unterricht nimmt nun mehr Zeit in Anspruch, denn ich möchte alle Kinder möglichst lange gemeinsam unterrichten. Auch sind nun Absprachen mit dem Förderlehrer notwendig und sinnvoll. Alle Kinder arbeiten an den selben Lerninhalten, aber zieldifferent und in unterschiedlichem Tempo. Da ist Flexibilität angesagt, eine genaue Abstimmung im Vorfeld ist schwierig.

Laubinger: Das Spannungsfeld der Inklusion ist, Kinder zieldifferent, aber gemeinsam zu unterrichten. Wenn ich beispielsweise merke, dass die Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf Probleme bei der Division großer Zahlen haben, so ziehe ich sie aus dem gemeinsamen Unterricht und arbeite im Nebenraum mit ihnen weiter. Auch Hausaufgaben und Klassenarbeiten sind unterschiedlich.

Welchen Förderbedarf haben die Kinder?

Steiner: Die Förderschwerpunkte liegen bei drei Kindern im Bereich Lernen (LE), bei zwei Kindern in der emotionalen und sozialen Entwicklung (ESE) und bei einem Kind in der geistigen Entwicklung (GE).

Welche positiven Effekte zeigen sich in der Klasse durch das gemeinsame Lernen?

Steiner: Es gibt keine dummen Bemerkungen oder Mobbing. Das soziale Klima in der Klasse ist unbelastet. Viele Kinder kannten den gemeinsamen Unterricht auch schon aus der Grundschule. Eines der Mädchen mit Förderbedarf bekommt viel Hilfe und Unterstützung durch die anderen Mädchen.

Laubinger: Alle Kinder erfahren durch die Doppelbesetzung der Lehrkräfte mehr Unterstützung. Auch schwächere Schüler ohne Förderbedarf müssen nicht scheitern. Es ist mir persönlich wichtig, alle Kinder nach vorne zu bringen.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie von den Eltern?

Steiner: Die Eltern der Förderkinder haben sich bewusst für eine Regelschule entschieden und zeigen sich zufrieden. Von den Eltern der Regelkinder gibt es wenig Rückmeldung, jedoch ein paar kritische Nachfragen, ob die Klasse denn auf dem Stand der anderen Klassen sei. Bislang ist das so. Entsprechend vieler Studien zeigt sich auch in dieser Klasse, dass stärkere Schüler nicht schwächer werden, schwächere Schüler profitieren.

Laubinger: Gerade auf die ESE-Kinder wirkt der gemeinsame Unterricht beruhigend und positiv. Ich erlebe sie hier ganz anders als zuvor.

Welche Verbesserungen wünschen Sie sich für die Zukunft?

Overdiek: Eine ständige Doppelbesetzung mit Lehrkräften ist im Gemeinsamen Unterricht unbedingt notwendig. Insbesondere wenn der Sonderpädagoge ausfällt können wir das nicht auffangen. Mehr Zeit für Fortbildung wäre auch gut, denn letztlich müssen alle Lehrer für den Gemeinsamen Unterricht vorbereitet werden. Mit Blick auf die nächsten Jahre müssten auch die räumlichen Bedingungen verbessert werden.

Steiner: Man muss es anpacken und auf einen guten Weg bringen.