Kunstrasen als Luftschloss
08.01.2010 | 18:22 Uhr 2010-01-08T18:22:00+0100Bottrop. NRW-Innenminister Ingo Wolf empfiehlt die Finanzierung über ein Bürgschaftsprogramm der NRW-Bank. Ist das für die Bottroper Vereine zu stemmen?
Bei Blau-Weiß Fuhlenbrock stehen derzeit die Bagger still. Nur wegen der Witterung, betont Sportamtsleiter Gerd Kießlich. Noch in diesem Jahr soll die neue Kunstrasenanlage fertig sein. Und dann? „Ab 2011 wollen wir jährlich einen Tennenplatz in einen Kunstrasen umwandeln”, sagt Kießlich, macht aber auch klar: Irgendwann ist Schluss.
Der Sportamtsleiter erklärt: „Wir wandeln bestimmt keine zehn Plätze um.” Wer wann dran ist, verrät ein Kriterienkatalog. Wie lange aber kann sich eine klamme Stadt jedes Jahr einen Kunstrasen leisten? Und was macht der Rest, der nicht berücksichtigt wird? Immerhin halten viele Fußballvereine den grünen Teppich langfristig für existenznotwendig. Erst recht, wenn die Konkurrenz in der Umgebung mit einem solchen Pfund wuchert.
NRW-Innenminister Ingo Wolf findet eine simple Antwort. Er rief die Sportvereine dazu auf, ein Bürgschaftsprogramm der NRW-Bank in Anspruch zu nehmen – und damit ihre Anlagen bei vergünstigten Zinsen selbst zu zahlen.
Peter Raabe hat für diesen Rat nur ein ironisches Lachen übrig. Gerade hat er das abgelaufene Jahr seines SV Vonderort in Zahlen zusammengefasst. Einnahmen: 78 000 Euro. Ausgaben: 86 000 Euro. Er stecke jedes Jahr privates Geld in den Verein, in dem er groß geworden ist. „Einen Kunstrasen selbst zu bauen – dafür hätten wir kein Geld!”
400 000 Euro veranschlagt
Der Verein oder Verband erhält das Geld nicht direkt von der NRW-Bank, sondern über die jeweilige Hausbank.
Als Laufzeiten verfügbar sind 30 Jahre bei fünf tilgungsfreien Anlaufjahren und einer Zinsbindung von 20 Jahren oder 20 Jahre bei drei tilgungsfreien Anlaufjahren und einer Zinsbindung von zehn Jahren. Aktuelle Zinssätze: www.nrwbank.de
Der SV Vonderort darf trotzdem hoffnungsvoll sein. Nach BW Fuhlenbrock steht er auf der Liste der Kunstrasenanwärter ganz oben. Im Entwurf des Wirtschaftsplans für 2011 sind laut Kießlich 400 000 Euro für einen Kunstrasen in Vonderort veranschlagt, wo Peter Raabe schon seit 2002 darum kämpft.
Angesichts derartiger Summen gerät der selbst finanzierte Kunstrasen für die meisten Vereine zum Luftschloss. „Eine Vollfinanzierung ist nicht möglich”, ist der Vorsitzende des Stadtsportbundes, Wolfhard Brüggemann, sicher. Sein Stellvertreter Dr. Peter Scheidgen, auch Vorsitzender des VfL Grafenwald, rechnet sogar mit den noch höheren Summen des Landschaftsarchitekten Alfred Ulenberg. Der veranschlagt für einen einfachen Kunstrasen 70,25 Euro pro Quadratmeter – und damit für einen Platz in Standardgröße über 570 000 Euro, welche die Pflegekosten und eine weitere Frage noch nicht einschließen. Denn: Meist ist das Gelände im Besitz der Stadt. Wem also würde der Platz nach dem Bau gehören?
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