Vor 200 Jahren zieht Preußen die Grenzen neu

Historische Grenzkarte der Gemeinde Bottrop aus dem Jahr 1825 aus dem Stadtarchiv. Oben links die gestrichene Grenze zjum Nachteil Kirchhellens und der handschriftliche Zusatz: „Gehört zu Kirchhellen“.
Historische Grenzkarte der Gemeinde Bottrop aus dem Jahr 1825 aus dem Stadtarchiv. Oben links die gestrichene Grenze zjum Nachteil Kirchhellens und der handschriftliche Zusatz: „Gehört zu Kirchhellen“.
Foto: Michael Korte
Beim Wiener Kongress 1815 kamen Bottrop und Kirchhellen zur neu gegründeten Provinz Westfalen. Bei der ersten Grenz-Ziehung verlor Kirchhellen den Hof Clüsener

NRW feiert in diesen Tagen den 200. Geburtstag von Westfalen. Als Geburtstag gilt der 30. April 1815, als Geburtsurkunde die „Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzialbehörden“. Im kollektiven Kirchhellener Bewusstsein ist allerdings von der Provinzgründung vor allem hängen geblieben, dass der neuer Herr Kirchhellen erst mal um Gebiet zu betrügen versucht hat. Das mutmaßliche Motiv für den Grenzstreit von 1824 bis 1825 findet sich im Bottroper Stadtarchiv: „Wahrscheinlich ging es wie meistens um Geld“, sagt Stadtarchivarin Heike Biskup.

„Bei der Neuordnung nach dem Wiener Kongress entstanden erstmals Fragen über den Grenzverlauf zwischen Bottrop und Kirchhellen“,die es bis dahin nicht gegeben hat“, schreibt der Bottroper Historiker Rudolf Schetter 1975 im „Vestischen Kalender“. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es Kirchspiele und Klosterbesitz. Schon 1811, unter französischer Herrschaft, hatten sich Vertreter der neuen Bürgermeistereien („Mairien“) auf den Spechtsbach als Grenzgewässer geeinigt. Zu diesem Zeitpunkt gehörte der Fernewald, bis zur Säkularisierung 1803 Eigentum der Essener Äbtissinnen, zum größten Teil nach Holten. 1824 allerdings schlugen Katastergehilfe Preuß und der Geometer Döllinger einen guten Teil des Fernewaldes Bottrop zu - und verschoben in einer Karte des Flurs Fernewald die Grenze zwischen Bottrop und Kirchhellen um rund anderthalb Kilometer nach Norden zum Schöttelsbach. Wohl mit Billigung des Verwaltungschefs, vermutet der Historiker Schetter: „Nun war damals Tourneau sowohl Bürgermeister von Bottrop als auch Bürgermeister von Kirchhellen: ohne sein Wissen und auch wohl sein stilles Einverständnis konnte eine solche wichtige Entscheidung nicht getroffen werden.“ Zumal Tourneau sie ein Jahr später quasi zu zementieren suchte: Im März 1825 ließ er eine Gesamtgrenzkarte Bottrops erstellen, in dem Bottrops Nordgrenze ebenfalls entlang des Schöttelbachs verlief. So kam Hof Clüsener auf dem Papier zu Bottrop.

Als Motiv dafür vermutet Schetter, Tourneau habe beiden Gemeinden einen ungefähr gleichen Anteil am früheren Klostergut Fernewald zuschanzen wollen. Die Grenzverschiebung kam in Kirchhellen nicht gut an und wurde später stiekum korrigiert: Im Stadtarchiv findet sich die korrigierte Karte mit dem wieder ins Recht gesetzten Spechtsbach als Grenze und dem Zusatz im Norden: „Gehört zu Kirchhellen“.

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