Hausgemachte Musik gibt es kaum noch
30.09.2008 | 18:25 Uhr 2008-09-30T18:25:00+0200
Die Chorgemeinschaft spielte immer eine zentrale Rolle in Feldhausen, „sonst war ja hier auch nicht viel los”. Die Karnevalsfeiern waren legendär. Vorsitzender Hermann Gahlen sorgt sich um die Zukunft der Kirchenchöre.
Wehmütige und kritische Töne stimmt Hermann Gahlen in seiner Standortbeschreibung der Kirchenmusik an: „Gemeinden werden aufgelöst oder zusammengelegt, Kirchengebäude geschlossen”, stellt der Vorsitzende des Kirchenchores St. Marien nüchtern fest, „das wird in Zukunft auch Auswirkungen auf Kirchenchöre haben.”
Der Nachwuchs an Priestern werde immer geringer und damit die geistliche Betreuung der Chöre. Und auch dort bleibe der Nachwuchs aus: „Schon jetzt ist die größere Anzahl unserer Kirchenchöre überaltert, und die Zahl der Kirchenbesucher und der an Kirchenmusik Interessierten sinkt.” In gleichem Maße wie die Berufsaussichten für hauptamtliche Kirchenmusiker. „Wie auch in anderen kirchlichen Bereichen muss hier gespart werden.” Dabei hat Hermann Gahlen eigentlich allen Grund zur Freude: Der Kirchenchor St. Marien Feldhausen feiert in diesen Tagen seinen 140. Geburtstag. Und nach den offiziellen Jubiläumsfeierlichkeiten am Sonntag erobern zurzeit 45 der 47 Chormitglieder das Elbflorenz Dresden.
Womit eine der wesentlichen Eigenschaften dieses gemischten Chores genannt wäre: Da wird nicht nur nach kirchlicher Literatur gesungen, sondern auch zu weltlichen Klängen geschunkelt, gefeiert und gereist. „Bei uns im Chor war immer Leben”, bekräftigt die 68-jährige Regina Berning, die bereits mit 15 dem Kirchenchor ihren Sopran lieh, „Ausflüge, Feiern, Radtouren – und abends nach dem Singen im Bauernstübchen bei Berger haben wir noch unter der großen Linde gesungen.”
Legendär sind die Karnevalsfeten des Kirchenchores. In Nullkommanix waren die Sitzungen stets ausverkauft. Noch heute erinnern sich die (älteren) Feldhausener an die Dessous- oder die Küchenmodenschau der Chornarren. „Maßgeblichen Anteil an dieser Zeit hatte unser rheinisch angehauchter Chorleiter Reimund Gille”, betont Hermann Gahlen. Später übernahm dann die KAB St. Marien die Jeckenrolle in Feldhausen.
Im gesellschaftlichen Leben Feldhausens spielte der Kirchenchor stets eine zentrale Rolle. „In Feldhausen war doch sonst nicht viel los”, erinnert sich Hermann Gahlen, „wir sind höchstens schon mal mit dem Zug nach Gladbeck oder Dorsten gefahren.” Selbst Kirchhellen war zu weit vom Schuss. „Wir sind doch lieber im Anzug mit dem Zug gefahren als mit dem Fahrrad ins Dorf. 50 Pfennig für den Zug – und zack warst Du in Gladbeck-Ost.” Daher gab es früher auch kaum Mitglieder bei den Schützen oder bei Kolping.
Und heute? „Da fliegen die Dreijährigen mit ihren Eltern nach Mallorca”, zuckt Hermann Gahlen die Schultern, „da interessieren sich die Jüngeren kaum für unsere Ausflüge nach Kalkar oder Papenburg.” Parallel hat sich natürlich der Musikgeschmack, ja der grundsätzliche Umgang mit Musik geändert. Nach Radio und Plattenspieler beherrschen heute CD-, MP-3-Player und Internet den Musikkonsum(enten), hausgemachte Musik gibt's kaum noch. „Wir haben in der ganzen Familie gesungen”, erinnert sich Regina Berning, „meine Geschwister und ich waren alle im Chor. Die Mia, die ist jetzt 75, die singt immer noch bei den ZWAR-Singers und im Kirchenchor St. Peter und Joseph.” Ihr 78-jähriger Ehemann Johannes Berning, seit 1948 Chormitglied, ergänzt: „Wir haben überall gesungen, in der Schule, wenn wir unterwegs waren mit Freunden und Kollegen.”
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