Fußballfans im Hof Jünger vereint

Im Rahmen der Vortragsreihe „ Paarweise“ analysiert Andreas Luh die Historie des Revier-Derbys.
Im Rahmen der Vortragsreihe „ Paarweise“ analysiert Andreas Luh die Historie des Revier-Derbys.
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Was wir bereits wissen
Im Rahmen der Vortragsreihe „Paarweise“ spricht Sporthistoriker Professor Andreas Luh hier über die Historie des Revier-Derbys.

Kirchhellen..  Es ist die Mutter aller Derbys. FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund ist für die Fans mehr als nur ein Fußballspiel. Seit fast 100 Jahren steht die Begegnung für pure Emotionen und gelebte Tradition. Professor Andreas Luh, Sporthistoriker von der Ruhr-Universität Bochum, ist jedoch der Meinung: „Das historische Revier-Derby gibt es nicht.“ Eine provokante These, die er vor zahlreichen Gästen beider Fanlager im Kulturzentrum Hof Jünger erläuterte.

Friedlich vereint lauschten königsblaue und schwarz-gelbe Anhänger den Ausführungen des Historikers. In der Vortragsreihe „Paarweise“ ging es erstmals nicht um Musiker- oder Autorenpaare, sondern um zwei Fußballvereine. Andreas Luh rekonstruierte unter anderem die Beziehung zwischen beiden Vereinen und die öffentlich dargestellte Abneigung zwischen den Anhängern.

Anhand von Sportberichten über das Derby seit Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Luh untersucht, wie es zu dem Mythos kommen konnte. „Die Bezeichnung ‚Revier-Derby’ gibt es erst seit Anfang der 1990er-Jahre“, so sein Fazit. 1947 tauchten weder „Derby“ noch „Revier-Derby“ im allgemeinen Sprachgebrauch auf. 1987 waren es hingegen 22 und im Jahr 2007 sogar 117 Erwähnungen. Luhs Erklärung: „Der Fußball wird gesellschaftsfähig und damit immer professioneller und kommerzieller.“ Geschichten abseits des Platzes wie Anekdoten oder über das Privatleben der Spieler werden für die Medien und die Öffentlichkeit interessant. „Derbys aus den Stadtteilen wie in den 50er-Jahren geraten in Vergessenheit.“ Es folgte zudem eine Radikalisierung der Fankultur. Nun gesellten sich zu den Kuttenträgern auch Hooligans und Ultras. „Gewinnen oder verlieren wurde für Fans immer mehr zur Existenzfrage“, so Luh.

Benefizspiel ohne Gage

Doch trotz aller sportlichen Rivalität bei den Revierclubs gab es in all den Jahren auch Zeichen von Solidarität. Zum Beispiel am 2. April 1974 bei der Eröffnung des damaligen Westfalenstadions. Der Lokalrivale aus Gelsenkirchen trat zum Benefizspiel ohne Gage an. Die Borussia steckte in einer schweren wirtschaftlichen Krise. „Wir haben die am Leben gehalten“, scherzte ein Königsblauer im Hof Jünger. Die anwesenden BVB-Fans konnten über den Spruch nur bedingt lachen.