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Kultur

Ein Repertoire, das süchtig macht

01.07.2012 | 16:07 Uhr
Ein Repertoire, das süchtig macht
Rissen ihr Publikum im Hof Jünger buchstäblich von den Stühlen: Das Duo Christian Kiefer, Gitarre, und Andreas Trenk, Akkordeon.

Kirchhellen. Welch Gegensätze, welch gemeinsamer Level: Andreas Trenk, Akkordeon, und Christian Kiefer, Gitarre, eroberten bei ihrem mit Bravo-Rufen verabschiedeten Duo-Konzert im Saal von Hof Jünger nicht nur ganz unterschiedliche Epochen – sondern auch das junge und ältere Publikum.

Mit mitreißenden Piazzolla-Klängen, mit fein timbrierten Scarlatti-Sonaten, mit „heftigem“ AC/DC-Rock und – als Rausschmeißer – mit Almdudler-Deftigkeit u.a. demonstrierten die Musikdozenten, wie die Musik alle Generationen, alle Stile, alles Gutgemachte verbindet. Eine „Bach meets Tango“-Matinee, die Standards für die weiteren Konzerte in Kirchhellen setzen könnte. „Crossover“ nennt man in der Eventsprache unserer Tage diese Mischung.

Das Akkordeon gehört zu den so oft unterschätzten oder sogar falsch zugeordneten Instrumenten. Zu laut, zu schematisch, zu einsilbig – das waren beispielsweise die Klischees, mit denen die „offizielle“ Klassik das Akkordeon (auch das im Ruhrgebiet einst bei Bergleuten populäre Bandoneon) einstufte. Andreas Trenk weist all diese Vorurteile dorthin, wo sie verstauben können: in die Ecke der Rezeptionsgeschichte. Denn er holt nahezu alle Register in sein Spiel: Er differenziert raffiniert und poetisch, er lässt durch Klangreichtum staunen, er spielt vehement auf der Klaviatur einer Rockröhre (Zitate von Sting oder eben AC/DC), er schwelgt wie ein Lyriker („Moon over Bourbon Street“), er reißt im Tango-Rhythmus mit – und huldigt ganz nebenbei zusammen mit seinem bestens aufgelegten Partner dem argentinischen Musikgenie Astor Piazzolla, dessen Todestag sich jetzt zum 20. Mal jährte. Gitarre und Akkordeon machen auf diesem Niveau und mit diesem Repertoire süchtig…

Mit einer Bachschen Triosonate (BWV 529) startete das exzellent aufeinander eingehende Duo seine Reise durch die Jahrhunderte. Ein schwieriges Stück, in diesem Arrangement höchst anspruchsvoll – aber mit fließenden Läufen, kühnen Harmonien und barocker „Moderne“ näherten sich Trenk/Kiefer dem Meister der Chromatik und der transparenten Struktur. Königlich! Das Largo geriet zum Musterfall für Bachs Geist und Sanftmut, wie man ihn selten vernimmt.

Zwei Scarlatti-Sonaten leiteten über zu Piazzolla-Stücken mit „Engelsmusik“ – ein Kontrast, der durch die Klänge selbst geadelt wurde.

Nach der Pause Tango-Nuovo-Hits, Rhythmus-Raketen, jazzige Popsongs und schließlich Rockakkorde, die Trenk und Kiefer im wahrsten Sinne des Wortes „von den Sitzen rissen“. Denn bei ihrer Verbeugung vor AC/DC standen sie auf, reagierten aufeinander, tauchten in diese „neue Welt“ mit Begeisterung und großem technischen Können ein. Gitarre und Akkordeon verwandelten sich nicht nur hier in viel-„saitig“ nutzbare Percussions- und Klanginstrumente, eine Bereicherung.

Das neu strukturierte kulturelle Programm von Hof Jünger legt nun eine Sommerpause ein. Ab 23. August geht es weiter – mit Konzerten, Ausstellungen, Vorträgen, Lesungen oder Kabarett

Hans-Jörg Loskill



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