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Kaiserwalzer für den Klomann

10.01.2013 | 21:00 Uhr
Kaiserwalzer für den Klomann
Vom Portier zum Toilettenmann degradiert: Für Emil Jannings wurde die Rolle in "Der letzte Mann" zum ParadestückFoto: FWMS

Bottrop. Mit seinem Stummfilm „Der letzte Mann“ schuf Friedrich Wilhelm Murnau 1924 eine zeitgenössische wie zeitlose Variation über das Thema „Kleider machen Leute“ - und zugleich eine Paraderolle für Emil Jannings, dem dafür sogar 1929 der erste Oscar als bester Hauptdarsteller des Jahres verliehen wurde.

Diesen in seiner Ästhetik und Umsetzung immer noch fesselnden Streifen zeigte jetzt das Festival „Orgel Plus“ in der Kirche St. Joseph - und setzt damit zugleich seine verdienstvolle Reihe „Orgel plus Film“ fort. Und mit Wilfried Kaets, dem Komponisten der mit historischen Elementen und Versatzstücken kunstvoll spielenden Filmmusik, und Norbert Krämer an Vibraphon und Schlagwerk, lag die kongeniale Begleitung dieses stummen Meisterwerks in bewährten Händen.

Musikalische Rückblenden

In teils wuchernder Manie der Spätromantik wie aus der Entstehungszeit des Films, dann wieder zart und fast detailverliebt, führt Kaets’ Musik durch die im Grunde einfache Handlung. Emil Jannings spielt darin einen von der eigenen Wichtigkeit unbedingt überzeugten Portiers eines Grand-Hotels. Mit pompöser Uniform (und noch pompöserem Backenbart wie einst Kaiser Franz-Joseph ihn trug) passt er kaum noch in die hektische moderne Zeit der wilden 20-er Jahre. In seinem Viertel voller Proletarier und Kleinbürger stellt er allerdings noch etwas dar - der Uniform sei Dank.

Als er aus Altersgründen zum Toilettenmann degradiert wird, bricht nicht nur für ihn sondern auch seine Umgebung eine Welt zusammen. Den würdevollen Diener, der ein wenig vom Glanz der „besseren Gesellschaft“ auf die schäbigen Hütten fallen lässt, übergießt man im Hinterhof mit Hohn und Spott. Dramatische wie berührende Szenen, die Kaets mit wuchtigen Harmonien auf der farbenreichen und recht groß disponierten Seifert-Orgel der gleichfalls exzentrischen Franke-Kirche, schwellend kommentierte.

Murnaus Werk kommt gänzliche ohne die beim Stummfilm üblichen eingeblendeten Dialoge aus. Es funktioniert als Kunstwerk aus Bild und Klang. Wäre nicht das vom Produzenten geforderte - und vom Regisseur zähneknirschend wie ironisch ausgeführte - „Happy End“: „Der letzte Mann“ wäre in die Filmgeschichte als gesellschaftskritisches Paradestück eingegangen, das von der Würde des Menschen im Alter oder der brüchigen Fassade der Uniform-Welt erzählt.

Aber Murnau hebt den grandiosen Emil Jannigs am Ende noch einmal auf die Beine. Eine überraschende wie ungewöhnliche Erbschaft ermöglicht ihm ein üppig-sorgloses Leben - an dem er auch in „seinem“ alten Hotel frühere Weg- und Leidensgenossen ausschweifend wie augenzwinkernd teilhaben lässt. Schampus und Kaviar gehören zum Klischee - wie auch die musikalische Rückblende in die gute alte (Kaiser)-Zeit: Wenn der Ex-Klomann an seine alten Kollegen kaiserliche Trinkgelder verteilt, lässt Kaets nicht nur den „Kaiser-Walzer“ des Walzerkönigs üppig brausen. Und die Fans in St. Joseph werden vielleicht im Stillen gemurmelt haben: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“.

Die Abschlussmesse des Festivals „Orgel Plus“ mit dem Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, und den Essener Domsingknaben: Sonntag um 9.30 in Herz Jesu. Karten für das Abschlusskonzert mit dem Studio-Orchester Duisburg, Sonntag, 16 Uhr, Liebfrauen: 02041/70 33 08.

Dirk Aschendorf



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