Junge Akteure lassen Distanz nicht zu

Unter das Publikum mischten sich die Darsteller. In dieser Szene geht es um die anonyme Masse, die Hitler und seinen Schergen blindlings folgt.
Unter das Publikum mischten sich die Darsteller. In dieser Szene geht es um die anonyme Masse, die Hitler und seinen Schergen blindlings folgt.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Vestische-Gymnasiasten mischen sich in ihrer Theater-Collage zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz unter das Publikum.

Bottrop..  Mit einer Collage aus Theater, Musik, Rezitation, Gedichten und erklärenden Elementen erinnerten Oberstufenschüler des Vestischen Gymnasiums Kirchhellen an den 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Im Forum der Hauptschule Kirchhellen präsentierten sie am Dienstagabend die Ergebnisse eines einjährigen Arbeits- und Erfahrungsprozesses. „Über Geschichte stolpern, gegen ein kollektives Vergessen“ hieß der Titel.

„Wir brauchen solche Gedenktage“, meinte Matthias Plaputta, der Leiter des Gymnasiums, in seiner Begrüßung. Es sei wichtig, sich die Geschichte vor Augen zu führen, denn „die Aktualität der Dinge nimmt zu“, betonte er. Der Schule komme bei dieser Aufgabe „eine besondere Rolle zu“.

Die rund anderthalbstündige Collage fing mit dem Ende an: Auf der großen Leinwand auf der Bühne tauchten Bilder verängstigter Kinder und Jugendlicher des „Volkssturms“ auf, die sich den Alliierten ergaben. Die Oberstufenkurse der Fächer Pädagogik und Musik mit ihren Lehrern Christian Hillbrandt und Lars Kapp orientierten sich beim Aufbau ihrer Collage an vier historischen Phasen des NS-Regimes, die in der Judenverfolgung und -vernichtung endeten. Ersten Terror- und Einschüchterungsakten folgten gesetzliche Beschränkungen, Deportationen und die Vernichtung der europäischen Juden.

Dröhnender Marsch

Der erste Musikbetrag, der sich vom jüdischen Lied „Hava Nagila“ zum dröhnenden Nazi-Marsch wandelte, machte deutlich, was auf die Juden zukommen sollte.

Schüler und Lehrer, von Prof. Dr. Wilfried Breyvogel fachlich begleitet, machten Geschichte an den Ereignissen vor Ort fest. Sie ließen etwa die Bottroper Juden Moses Redisch, er hatte ein Möbelgeschäft, und Naftali Kleinberger in Theaterszenen zu Wort kommen. Beide waren „Bestandteil der Bottroper Gesellschaft“, hörte das Publikum. Zwischen den Zuschauern platziert standen die Schüler auf, um Texte vorzutragen, zum Beispiel wüste Beschimpfungen der jüdischen Bevölkerung. Auch die Musiker saßen verteilt; das Publikum wurde Teil der Collage, und Distanz wurde unmöglich. Die Frage laute nicht, wer Jude sei, sondern wen und was man dazu mache, zitierten die Jugendlichen Jean Paul Sartre aus seinen „Überlegungen zur Judenfrage“.

Die Namensnennungen Bottroper Juden setzte einen prägnanten Schlusspunkt dieser Collage.

„Ja und Nein“, antwortete Hillbrandt auf die Frage, ob es mit zunehmender zeitlicher Distanz schwieriger werde, Schüler für das Thema zu interessieren. Die kleinen Ereignisse vor Ort in die großen einzuordnen, habe aber bei allen das Interesse geweckt. „Ich bin sehr stolz auf unsere Schüler“, so Hillbrandt und Lars Kapp stimmte zu. „Sehr gut reagiert“ hätten die Jugendlichen und „faszinierende Eindrücke“ gewonnen durch das Anschauen des Shoah-Films in der Essener Lichtburg.