Ich kann Säulen-Ruinen gut hochdenken
26.12.2007 | 15:45 Uhr 2007-12-26T15:45:02+0100Peter Noetzel stellt sich Fragen zur politischen Kultur, der Zukunftsfähigkeit der Stadt, den aktuellen Investitionen und den dringlichsten Handlungsfeldern
INTERVIEW MIT DEM OBERBÜRGERMEISTER ZUM JAHRESENDE2007 sei ein unruhiges Jahr, gewesen, resümiert Peter Noetzel. Unruhig, aber nicht im negativen Sinne. Und ein bedeutendes Jahr sei es zudem gewesen. Das Interview mit dem Oberbürgermeister am Ende von 2007 führten die WAZ-Redakteure Helga Pillar und Michael Friese.
Was hat 2007 so "positiv" unruhig werden lassen?
Noetzel: Mit dem Beschluss, aus der Steinkohle-Subventionierung auszusteigen, stand die alles beherrschende Frage im Raum: Wie geht es jetzt in unserer Stadt weiter? Natürlich kocht jeder in gewisser Weise sein eigenes politisches Süppchen. Das Positive besteht aber darin, dass wir jetzt in der Politik zusammensitzen, um dem drohenden Verlust von 6000 Arbeitsplätzen gemeinsam und konzentriert entgegenzuwirken.
Dazu passen dann auch die Investitionen, die zurzeit in der Innenstadt stattfinden. Das führt zwar vorübergehend zu Erschwernissen, vor allem für den Handel an der Poststraße, aber später wird alles besser sein.
Die Kaufland-Investition wird vermutlich noch einiges mehr für die Innenstadt in Gang setzen.
Noetzel: Das ist so und es ist schon spürbar. Wir haben längst nicht mehr so viele Leerstände wie noch vor zwei Jahren, weil auch Kaufleute die Gewissheit verspüren, jetzt passiert etwas. Wichtig war es, das Hansa-Zentrum als Verbindung zwischen Kaufland und der City zu reaktivieren. Heute höre ich, dass Kaufleute davon sprechen, hier könne man wieder Geld verdienen. Und so wird sich das auch einstellen.
Neue Arbeitsplätze zu schaffen ist das Schwerste überhaupt und sicher eine Daueraufgabe. Was unternimmt die Stadt außerdem?
Noetzel: Wir haben damit begonnen, zügig Flächen für die Neuansiedlung zu entwickeln. Zum Beispiel am Kraneburger Feld jenseits der B 224. Hier gibt es schon Interessenten. Ein Unternehmen aus Bottrop will sich vergrößern und ist sogar mit einer provisorischen Erschließung des Gebietes einverstanden. Es will nicht auf den Ausbau der B 224 zur A 52 warten.
Stichwort A 52, der Dauerbrenner. Wann wird das Bot-troper Teilstück denn nun tatsächlich gebaut?
Noetzel: Das ist wirklich ein Dauerbrenner. Aber noch nie war die Straßenbau-Behörde planerisch so weit fortgeschritten wie heute. Danach könnten die A 42 und die A 2 über das Bottroper Teilstück einer A 52 schon bald verbunden werden. Das würde auch in einem Alleingang ohne Essen und Gladbeck funktionieren, weil es eine erhebliche verkehrliche Entlastung bedeutet, unabhängig davon, wie der Streckenverlauf in den Nachbarstädten am Ende aussehen wird. Eine Entlastung auch für die Welheimer, die dann einen verbesserten Lärmschutz bekämen. 2009 möchte man mit dem Ausbau beginnen.
Wie erklären Sie sich den weiter vorhandenen Widerstand?
Noetzel: Ich verstehe, dass Menschen beunruhigt sind, deren Häuser direkt an der Trasse oder sogar auf ihr liegen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass schon kräftig im Hintergrund verhandelt wird, auch über Kaufpreise für Häuser, die weichen müssen. Es gibt nie 100-prozentige Zufriedenheitslösungen. Und eine große Mehrheit, die Vorteile für sich sieht, meldet sich in der Auseinandersetzung meistens nicht zu Wort.
Stimmt unser Eindruck, dass der Widerspruch aus Kreisen der Bevölkerung unabhängig vom Thema zunimmt?
Noetzel: Das ist eine Frage der politischen Kultur, die sich in der Tat gewandelt hat. Man folgt heute weniger den Parteien, sondern dem Grad der eigenen Betroffenheit.
Steht die Einführung Ihrer Bürgersprechstunden damit im Zusammenhang?
Noetzel: Richtig ist, dass eine solche Einrichtung vor 20 Jahren noch nicht notwendig war. Heute müssen Bürger vortragen können.
Zwei Zweigstellen der Sparkasse schließen, was eine Menge Unmut ausgelöst hat. Sie sind der Chef des Verwaltungsrates. Warum hat dieses Gremium den Schließungsbeschluss mitgetragen?
Noetzel: Zunächst: Wir beraten, aber wir beschließen nicht. Das ist Sache des Sparkassen-Vorstandes. Wir haben heftig im Vorfeld diskutiert. Letztlich fand sich der Kompromiss, die Versorgung der beiden Standorte über Automaten zu regeln.
Wenn wir über die Zukunftsfähigkeit dieser Stadt sprechen, welche Kernaufgaben sehen Sie dann?
Noetzel: Mir bereiten die Bildungsabschlüsse junger Menschen Sorgen, vor allem bei jenen mit Migrationshintergrund. An sie müssen wir näher heran. Für sie wie für die Eltern muss es selbstverständlich werden, Deutsch zu sprechen. Die Möglichkeiten, die der Integrationsbeirat hier bietet, sind noch nicht voll ausgeschöpft.
Wie muss sich Bottrop in der Region aufstellen?
Noetzel: Es kann nicht sein, dass wir uns mit dem Anteil zufrieden geben, der zwangsläufig auf uns entfällt. Wir sollten dort hinschauen, wo unsere Bürger ihre wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen pflegen: Oberhausen, Essen, Bochum, Gelsenkirchen, etwas weniger im Kreis Recklinghausen. Dort müssen wir uns aufstellen und gemeinsame Projekte entwickeln. Das Eine oder Andere kommt bereits zustande.
Wo wird 2008 die größte Hürde liegen?
Noetzel: Wir müssen die Bergbau-Flächen sichern. Wir müssen darauf dringen, dass sie eines Tages so übergeben werden, dass eine Nachfolgenutzung möglich wird, um darauf Ersatzarbeitpslätze zu entwickeln.
Was wird das Glanzlicht 2008 sein?
Noetzel: Es ist das Licht am Ende des Tunnels, wenn die Großbaustelle in der Stadt abgewickelt ist. Durch meine Reisen zu antiken Stätten bin ich darin geschult, Säulen-Ruinen wieder hochzudenken. Ich kann mir heute schon gut vorstellen, wie der Berliner Platz einmal aussehen wird.
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