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Historiker fand Grab des Opas einer Bottroperin in Verdun

24.02.2016 | 10:00 Uhr
Historiker fand Grab des Opas einer Bottroperin in Verdun
Hildegunde Wischermann und Markus Paulick treffen sich im Stadtarchiv Bottrop und forschen in der Familiengeschichte aus der Zeit des Ersten Weltkiregs. Hildegunde Wischermanns Großvater fiel in der Schlacht von Verdun vor 100 Jahren.Foto: Winfried Labus

Bottrop.  Markus Paulick lokalisiert Soldaten-Gräber. Sie starben vor 100 Jahren in der Schlacht von Verdun. So auch der Großvater von Hildegunde Wischermann.

Ihren Großvater hat Hildegunde Wischermann nie kennengelernt. Als sie geboren wurde, war Theodor Wischermann bereits 24 Jahre tot. „Verblutet vor Verdun, ein Arm und ein Bein waren abgerissen, wie meine Großmutter immer wieder erzählte,“ sagt die Bottroperin. Sie erforscht seit Jahren die Geschichte ihrer Familie, die von der Birkenstraße im Fuhlenbrock stammt. Jetzt traf sie auf Vermittlung von Stadtarchivarin Heike Biskup dort auf Markus Paulick.

In zehn Monaten fielen dort 300.000 Soldaten

Der Bottroper erforscht - eigentlich: ergräbt - seit vielen Jahren die Schlachtfelder des ersten Weltkriegs in Nordfrankreich. Jetzt war er mit anderen dort tätigen Kollegen und seinen Söhnen in Verdun. 100 Jahre ist es her, seit dort die Schlachten zwischen Deutschen und Franzosen tobten. Ein Stellungskrieg, der in zehn Monaten 300 000 Soldaten das Leben kostete. Auch der Großvater von Hildegunde Wischermann gehört zu den Opfern - denn das waren die Soldaten auf beiden Seiten der Front in diesem ersten industriell geführten Krieg.

Kooperation mit großen Verbänden

Dass Markus Paulick jetzt das Grab ihres Großvaters, wie auch die letzte Ruhestätte von 36 anderen Bottroper Soldaten, lokalisieren konnte, erfüllt sie mit Genugtuung. Aber nicht nur das: „Es ist gut, dass wir etwas über unseren Großvater erfahren, dafür bin ich Herrn Paulick dankbar. Ich weiß nun, wo der Mann sein Grab hat, von dem meine Oma immer als ,gutem und frommen Menschen’ sprach - und erzählte, wie er am Ende gestorben sein muss. Neben ein paar Gegenständen haben wir nun einen konkreten Ort der Erinnerung.“

Paulick lokalisiert das Grab neben einer Landstraße im Ort Vacherauville bei Louvement. „Den Ort gibt es heute nicht mehr, er gehört zu den Dörfern, die 1916 vollständig zerstört und nie mehr aufgebaut wurden“, erzählt der Forscher, der eng mit Institutionen wie dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge und befreundeten Organisationen in Frankreich zusammenarbeitet.

"Man kann doch nichts mehr zuordnen"

Sie haben nichts mit den üblichen Raubgräbern und Militaria-Sammlern zu tun, die bis heute über die einstigen Schlachtfelder ziehen und Marken, Waffen oder persönliche Gegenstände der Soldaten zu finden hoffen. „Kürzlich bot jemand einen ganzen Sack mit Identifikationsmarken an“, erzählt Paulick. „Vollkommen sinnlos, man kann doch nichts mehr zuordnen.“ Für Paulick und seine Kollegen ist es wichtig, die Gräber zu lokalisieren und zu sichern. Einmal der historischen Erkenntnisse wegen, dann aber auch, um Angehörigen zu helfen, die vielleicht seit 100 Jahren nach Anhaltspunkten zu ihren Verstorbenen suchen.

So wie Hildegunde Wischermann fühlen sicher auch andere Familien, die Angehörige im Krieg verloren haben. „Insgesamt starben 1678 Bottroper zwischen 1914 und 1918“, sagt Stadtarchivarin Heike Biskup. Die Totenlisten, an denen sich auch Markus Paulick bei seiner Arbeit orientiert, sind im Stadtarchiv einsehbar.

Dabei geht es niemandem um Revanche oder Schuldzuweisung. Für Hildegunde Wischermann ist es wichtig, dass nicht alles, was damals geschah im Dunkel der Geschichte vergeht. „Etwas zu wissen, heißt nicht nur zu lernen. Es kann auch erleichtern und Frieden schenken - und wenn es nur der innere Frieden der Familienangehörigen der Opfer von einst ist.“

Was von den Toten übrig blieb...

„Eine zersplitterte Taschenuhr mit Kette, Löffel, Gabel, kleiner Kamm u. Bürste. Taschenmesser, Rosenkranz, durchschossene Briefmappe, Portemonnaie mit 3 Medaillen, Trauring und 12 Mark in Papiergeld“: Das war alles, was von Theodor Wischermann übrig blieb. Diese Liste schickte ein Leutnant am 10. März 1916 an „Frau Theodor Wischermann“. „Selbst als Witwe hatte man als Frau noch keinen eigenen Namen, kommentiert Enkelin Hildegunde Wischermann 100 Jahre danach trocken - und legt das Blatt wieder zu ihren Unterlagen.

„Eine andere Zeit, die wir vor allem nicht vergessen sollten“, sagt Weltkriegsforscher Markus Paulick. Der Bottroper kehrt soeben zurück von der großen Gedenkfeier an die Schlacht von Verdun - und ist vor allem begeistert von der neuen Gedenkstätte. Es sei ein Zentrum der Dokumentation und Erinnerung für ganz Europa - eigentlich sollte jeder einmal diese Stätte gesehen haben - und den Horizont mit Hundertausenden weißer Kreuze, von denn jedes für einen Toten steht.

Dirk Aschendorf

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2016-02-24 10:00
Bottrop, Ahnenforschung, Erster Weltkrieg, Ahnen, Frankreich, Verdun
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