Hightech unter Tage erstaunt US-Studenten

Die RuhrFellows mit Thomas Rehpöhler (ganz links), Reporterin Britta Prasse (zweite von links), Eric Holland (fünfter von rechts), Köksal Ayden (dritter von rechts) und Uwe Hölting (ganz rechts)
Die RuhrFellows mit Thomas Rehpöhler (ganz links), Reporterin Britta Prasse (zweite von links), Eric Holland (fünfter von rechts), Köksal Ayden (dritter von rechts) und Uwe Hölting (ganz rechts)
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Die jungen Revier-Besucher studieren an den renommiertesten Unis der USA. Auf der ZecheProsper-Haniel unternehmen sie ihre erste Grubenfahrt und lernen die Welt der Bergleute kennen.

Zuerst die Feinripp-Unterhose mit Eingriff, darüber das steife Baumwoll-Hemd, die weiß-graue Kluft zuknöpfen, rein in die klobigen Lederstiefel. Schienbein- und Knieschoner anlegen, Helm, Schutzbrille und Handschuhe nicht vergessen. Den dreieinhalb Kilo schweren Gürtel mit Lampe und Notfallfilter um die Hüfte schnallen, auf dem Weg noch schnell Ohrstöpsel und Staubmaske in die Jackentaschen stopfen. Vor dem Förderkorb begrüßen sich die Bergmänner dann mit einem rauen „Glück auf!“

Modernstes Bergwerk der Welt

Für die neun amerikanischen Studenten, die im Rahmen des Stipendien-Programms „RuhrFellowship 2015“ für zwei Monate im Ruhrgebiet sind, ist es die erste Grubenfahrt überhaupt. Und das gleich in dem „modernsten Bergwerk der Welt“, wie Uwe Hölting, 49, die Zeche Prosper-Haniel immer wieder lobt. In Seminaren haben die Studenten aus Berkeley, Harvard und Princeton schon gehört, wie Kohleabbau funktioniert. Aber hier, direkt vor Kohle zu sein und zu erfahren, was das Ruhrgebiet geprägt hat, ist für sie alle ein „pretty awesome“ Erlebnis.

Das fängt schon mit dem ruckelnden Förderkorb an. Dieser rast mit bis zu zwölf Metern pro Sekunde durch den dunklen Schacht, der Druck auf den Ohren wächst. In zwei Minuten ist die Gruppe auf der siebten Sohle der Zeche angekommen – 1200 Meter unter der Erde. „Ist wie Kirmes, ne?“, scherzt Köksal Ayden, 46, den hier unten alle nur „Köki“ nennen. Uwe – hier wird nur auf Vornamen reagiert – steht gleich mit einer bunten Bonbontüte parat. Das hilft gegen die wackeligen Knie.

„Wow.“ – Erstaunt sehen sich die Neulinge unter Tage um: Rohre, Container, Fließbänder, Gitter und Ketten heben sich kaum ab vom schwarz-grauen Bild, alles ist mit schwarzem Kohlestaub bedeckt. Lange Neonröhren spenden spärliches Licht, die einzigen Farbtupfer sind die roten Warnschilder. Auch wenn in gleichmäßigem Rhythmus Wasser abgepumpt wird und die Ventilatoren auf Volltouren Frischluft in die Gänge blasen, ist es eigenartig still. Fast ehrfürchtig gehen die Neuen auf dem unebenen Boden Richtung Schwebebahn, die „Dieselkatze“. Mit dieser tuckert die Gruppe eine gute halbe Stunde zum viereinhalb Kilometer entfernten Streb.

„Knieschoner hoch und Handschuhe anziehen“, sagt Uwe. Denn jetzt wird’s richtig dreckig. Tief gebückt, fast krabbelnd bewegen sich Kumpel und Studierende in dem 284 Meter langen Streb voran.

Riesiger Maulwurf aus Stahl

Voller Stolz deutet Uwe auf den Hobel, der wie ein gigantischer Maulwurf aus Stahl Kohleplatten aus dem Flöz bricht. Schwarz-silber schimmernde Gesteinsbrocken krachen auf das Fließband, Sprühwasser bündelt den Gesteinsstaub. „Das war Kohleproduktion. Hammer, ne?“, grinst Uwe. Das findet auch Jonathan Valverde, 22, aus Princeton: „Die Technik ist richtig beeindruckend, dass alles so automatisch abläuft. Ich fänd’s toll, wenn ich später als Ingenieur so etwas mitentwickeln könnte.“ „Ziemlich cool“ meinen auch die anderen.

„Wer will denn hier arbeiten?“ fragt Uwe spontan in die Runde. Blicke huschen herum. Bei aller Faszination, hier unten malochen will keiner, in dieser Dunkelheit und bei 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. Nur Köki hebt die Hand: „Hier kann sich jeder auf jeden verlassen. Ein Bergmann lässt seinen Kumpel nie im Stich. Ich bin seit 30 Jahren auf’m Pütt und mache ihn auch zu.“

Hier wurde also die Kumpel-Mentalität geboren, die so charakteristisch für das Ruhrgebiet ist. Und hier wird sie auch noch gelebt. Die Stimmung schwappt über, begeistert grüßen die Studenten mit „Gluck auf!“ – Der Umlaut fällt noch schwer. Macht aber nichts.