„Gedenktage zeigen auch in die Gegenwart“

Das Jahr 2014 war das Jahr des Gedenkens: Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus, vor 70 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Auch 2015 jähren sich denkwürdige Ereignisse wie das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Befreiung von Auschwitz. Angelika Wölk blickt mit Pfarrer Ulrich Schulte, Vorsitzender des Presbyteriums, zurück auf das Gedenkjahr 2014.

Warum sind Jubiläen wichtig?

Pfarrer Ulrich Schulte: Jubiläen erfüllen den Zweck, uns zu erinnern. Gleichzeitig bauen sie eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart. Sie gegeben uns Gelegenheit, Erkenntnisse aus dem zu ziehen, was damals passiert ist.

Welche Erkenntnisse sollten wir aus dem Gedenken an die Ereignisse von 1914 ziehen?

Es herrschte Kriegsstimmung in der Bevölkerung, es gab eine gewisse Bereitschaft zum Krieg, ja, Begeisterung. Wir können daraus lernen, vorsichtig zu sein, uns nicht verführen zu lassen durch vermeintlich einfache Antworten, durch Machtgelüste. Statt dessen sollten wir Situationen differenziert wahrnehmen. Hätten man den Menschen damals gesagt, worauf sie sich einlassen, welches Leid sie verursachen, wären vielleicht nicht so viele Menschen kriegsbegeistert gewesen.

In den Kirchen haben die Menschen auch keine Friedensappelle gehört.

Bei beiden Weltkriegen sind die Kirchen der Zeit verhaftet geblieben. In der evangelischen Kirche gab es 1914 eine große Nähe zwischen Thron und Altar, die wohl den Blickwinkel getrübt hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die evangelische Kirche in der Stuttgarter Erklärung ihre Mitschuld an dem Leid der Menschen eingestanden. Hilfreich ist aber auch – ohne dies auch nur ansatzweise schön zu reden – zu sehen, dass sich in Bottrop viele Protestanten während der Nazi-Herrschaft der Bekennenden Kirche zuwandten, gegen Großmacht-Ansprüche des Staates gewehrt haben.

Wie ist das mit dem Gedenken – haben wir in all den Jahren nicht schon alle Aspekte des Ersten und Zweiten Weltkriegs beleuchtet oder muss jede Generation das neu leisten?

Jede Generation muss neu hinsehen, muss sich eine eigene Meinung dazu bilden, es gibt ja immer weniger Menschen, die noch davon erzählen können. Aber jede Generation muss eine Orientierung finden, auch, um wertzuschätzen, was wir heute an Positivem erreicht haben.

2014 auch das Jahr der Kriege und der Flüchtlinge. Tun wir in Bottrop genug für die Flüchtlinge?

Sehr viele Menschen sind willig, hilfsbereit und offen. Das hängt auch mit der Atmosphäre in der Stadt zusammen, mit dem sozialen Zusammenhalt. Die Hilfsbereitschaft hängt wohl auch damit zusammen, dass die Meldungen aus Syrien so brutal sind.

Reicht aus, was schon an Hilfe geleistet wird?

Einiges ist schon geschehen, Gesetze wurden geändert, damit Asylsuchende früher Arbeit suchen können. Wichtig ist, dass wir hinschauen, fragen, was es für Menschen sind, was sie bewegt, aber auch – und das gehört auch zur Realität -- dass einige vielleicht andere Wertvorstellungen mitbringen.