Flotte Narren rennen in Bottrop dem Zug hinterher

Vom Rahausbalkon grüßen die Tollitäten Klaus III. und Christiane III.
Vom Rahausbalkon grüßen die Tollitäten Klaus III. und Christiane III.
Foto: Labus / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Karnevalszug war einer der kürzesten der letzten Jahre, was aber der Stimmung keinen Abbruch tat. Am Ende übernahmen die Narren das Rathaus.

Bottrop.. Kaum haben sich die Narren auf der Peterstraße warmgeschunkelt, ist der Zug schon halb vorbei. Und nach gestoppten wie gefühlten 30 Minuten „düst“ der letzte Wagen des Bottroper Rosenmontagszugs Richting Böckenhoffstraße, um dann zum Endspurt aufs Rathaus anzusetzen. „Karneval der Zukunft“ haben Kinder und Eltern de r Richard-Wagner-Grundschule auf diesen Schlusswagen geschrieben. Vielleicht ist also das Tempo, das die Jecken in diesem Jahr vorlegen, ein Ausblick auf die flotte Narretei künftiger Jahre.

Die Stimmung jedenfalls war so gut wie lange nicht mehr. Strahlendes Spätwinterwetter. Die Sonne wärmt bereits so, dass Hochprozentiges zum Anheizen eigentlich gar nicht mehr nötig ist. In Dreier- und Viererreihen säumen die Menschen, darunter viele Familien und jüngere Gruppen, den Weg des Trosses, der zwar gut gelaunt, aber dennoch nicht gänzlich politikfrei daherkommt.

Überregionale Reizthemen finden zwar nicht ihren bissigen Niederschlag auf den Motivwagen. Aber natürlich kommt man am „Investorengrab Hansazentrum“ nicht vorbei, das die „Stellkeswägg 1881“ mit schwarzem Sarg und zünftig trauernden „Witwen“ vor den gut 50 000 am Straßenrand Revue passieren lassen. Am Aschermittwoch ist alles vorbei? Abwarten. Vielleicht hat der OB ja auch dort noch einen Trumpf in der Hinterhand. Auf dem Wagen der Boyer Narren hat er ja immerhin schon mal einen Goldesel, der sich streckt und ordentlich Münzen unter sich lässt.

Aber vielleicht überlegt man es sich ja noch anders, ähnlich wie die Große Karnevalsgesellschaft GKG 1894, die auf dem Zug samt Wagen Auferstehung feiert - und fordert: „Soli für den Karneval“. Aus hiesiger Sicht auf jeden Fall vernünftig. Denn Sicherheitsauflagen, Hallenmieten für den Wagenbau und vieles andere kostet einfach von Jahr zu Jahr mehr. Sicher war das war einmal anders.

Mancher Besucher kritisiert die flotte Fahrt

Daran erinnert der Wagen der Grün-Weißen Funken, der Bottrops Karneval durch die Jahrzehnte präsentiert. Da lässt sich das Kinderprinzenpaar nicht lumpen. Der Wagen von Lea I. und Lukas I. tuckert mit Dinos und Mammuts verziert daher. So taucht der gemütliche westfälische Karneval geradezu in prähistorische Tiefen. Die Kids wissen offensichtlich, wie man beherzt Maßstäbe setzt.

Natürlich lässt sich niemand an so einem Tag die gute Laune verderben, obwohl mancher Besucher das Tempo kritisierte, dass der Zug vorlegte oder die Kürze des Umzugs monierte. Kürzer sei der Zug jedenfalls nicht gewesen, sagt Marc André Czysch, Präsident des Festkomitees Bottroper Karneval. Zwar habe es etwas weniger Wagen gegeben, dafür sei aber die Zahl der Fußgruppen gestiegen. Die Auflagen für die Fußgänger sind halt nicht so groß, die Kosten nicht so hoch. Und: „Zu Fuß ist man viel näher dran. Ich mag das so sogar lieber“, so Czysch.

Der Zug läuft friedlich, die Stimmung ist entspannt. Am Ende, als die Böller den traditionellen Sturm aufs Rathaus ankündigen, ist die Böckenhoffstraße ein einziges Menschenmeer. Bis zum Schluss fliegen Kamelle, Popcorn, Schokolade. Pikkolöchen werden eher diskret gereicht.

Rabiater Prinz übernimmt die Macht im Rathaus

„Wir können es brutal machen, oder auf dem einfachen Weg!“ Prinz Klaus III. baute Oberbürgermeister Bernd Tischler noch eine goldene Brücke – vergeblich. Kampflos wollte sich das Stadtoberhaupt nicht ergeben. Also mussten Klaus III, seine Prinzessin Christiane III. und das Kinderprinzenpaar Lukas I. und Lea I. rabiat werden. Mit vereinten Kräften entrissen sie dem OB den Rathaus-Schlüssel und übernahmen die Macht. Da halfen auch die Brezelkanonieren nicht, die traditionell die Verteidigung des Rathauses sicherstellen sollen. Die lauten Kanonenschläge hielten die Narren nicht auf.

Der Unterlegene gab sich hinterher großzügig, schließlich hätten die Tollitäten versprochen, in ihrer kurzen Regentschaft das Haushaltsloch zu stopfen. Vielleicht ein Versprechen, geboren aus der Euphorie. Denn die war dem Prinzen im Ratssaal noch deutlich anzumerken, hatte er sich doch kurz zuvor auf dem Rathausbalkon gezeigt und sich von seinem Volk bejubeln lassen. Und auch der Zug durch die Stadt „hat Superspaß gemacht“, freute sich der Prinz. „Es ist ein tolles Gefühl, auf dem Wagen zu stehen und die Leute zu sehen, die an der Straße stehen und jubeln. Die sind ja total verrückt“, lobt er.

Trallafitti sorgt Karnevalsklänge

Vor dem Rathaus hatten sich nach dem Zug viele Narren getroffen, um die Machtübernahme zu verfolgen und zu feiern. Tatsächlich scheint es nun auf dem Ernst-Wilczok-Platz von Jahr zu Jahr wieder etwas voller zu werden. Nachdem vor wenigen Jahren kaum noch Schaulustige zum Rathaussturm gekommen waren, scheint nun wieder mehr und mehr Narren zu der Einschätzung zu kommen, dass sich ein Abstecher zum Rathaus lohnt. Vielleicht auch, weil auf der Bühne seit einigen Jahren nun schon die Ruhrpott-Karnevalsband Trallafitti für heimische Karnevalsklänge sorgt.

Verrückt ging es auch im Rathaus zu. Wie in jedem Jahr war der Ratssaal ausgeräumt und bot Platz für Tollitäten, Gefolgschaft und Neugierige. Den entstandenen Raum nutzten vor allem die Tanzgarden. Sie zeigten, dass sie auch nach einem anstrengenden Rosenmontagszug, den sie teilweise zu Fuß zurückgelegt hatten, noch Kraft und Ausdauer haben. So zeigte etwa die Garde der KG Boy – in diesem Jahr immerhin Prinzengarde – ihren Prinzentanz. Dem stand die Garde der Kleinen Karnevalsgesellschaft, die zum offiziellen Gefolge des Kinderprinzenpaares zählt, in nichts nach.

Zehn Euro Eintritt kostet der Besuch im Rathaus seit der Verabschiedung des Sparpakets, trotzdem waren die 300 Karten rasch vergriffen.

Der Rest vom Rosenmontag – Bilanz der Polizei

Ganz entspannt saßen Ulrich Bockstegers und seine Kollegen in der zur Kirmeswache umfunktionierten Grünen Minna: „Fast alles friedlich, alles gut“, bilanzierte der Leiter des Bezirks- und Schwerpunktdienstes der Polizeiinspektion Bottrop den Zug-Einsatz. Polizeisprecher Michael Franz lieferte die Zahlen zum Einsatzgeschehen: Geschätzte 50 000 Jecken am Zugweg, fünf Platzverweise und zwei Festnahmen; eine wegen einer Farbschmiererei am August-Everding-Kulturzentrum, eine wegen gefährlicher Körperverletzung. „Aus polizeilicher Sicht sehr zufriedenstellend.“

Weil sich die Einmündung Blumen-/Böckenhoffstraße aus Sicht von Polizei und Jugendschutz in den vergangenen Jahren als problematischer Sammelpunkt dargestellt hatte, zeigten Polizei, Ordnungsamt und Jugendamt dort demonstrativ Präsenz. Das Prinzenpaar bedankte sich bei den Einsatzkräften mit „Polizei helau!“ kurz bevor es mit seinem Wagen in den allgemeinen Trubel auf dem Rathausvorplatz eintauchte. Die Beamten der Einsatzhundertschaft der Polizei hatten das Geschehen jederzeit im Griff und sorgten nach einer Anstands-Viertelstunde dafür, dass die Kehr-Kolonne der Best auf der Böckenhoffstraße freie Fahrt bekam. Die ersten Räumfahrzeuge hatten sich schon vorher mit dröhnendem Hupen Platz geschaffen.

Was vom Zuge übrig blieb, war auch in diesem Jahr jede Menge Glasbruch. Eine Handvoll Pfandsammler sorgte mit ihren fast berstenden Plastiktüten dafür, dass die Bierflaschen aus dem Verkehr gezogen wurden, bevor sie Schaden nehmen konnten. Es blieb aber reichlich Glas übrig, an der Blumenstraße zum Beispiel von den ungezählten Schnaps- und Likörfläschchen, die vor allem das feiernde Jungvolk mitgebracht hatte. Deshalb hielten viele Eltern ihre Kinder davon ab, entlang des Zugweges Nachlese nach übersehener Kamelle zu halten.

Alle Fotos von Rosenmontagszug und Rathaussturm gibt es hier.