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Eine große Volkspartei gibt es noch - die Nichtwähler

21.05.2012 | 18:08 Uhr
Eine große Volkspartei gibt es noch - die Nichtwähler
Ein Zerrbild: Die Zustimmung zu den Parteien ist in Wirklichkeit geringer. Foto: Heinrich Jung WAZ

Es gibt in Bottrop nur noch eine große Volkspartei: die Partei der Nichtwähler. Sie ist mit Abstand die stärkste politische Kraft - die damit aber nichts anzufangen weiß. Allenfalls die SPD wird in Bottrop noch dem Anspruch gerecht, Volkspartei zu sein. Alle anderen sind Splitterparteien.

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Es gibt in der Stadt nur noch eine große Volkspartei: die Partei der Nichtwähler. Sie ist mit Abstand die stärkste politische Kraft - die damit aber nichts anzufangen weiß.

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Am Wahltag trafen wir Rolf Halfar. Der langjährige Vorsitzende des Personalrats der Stadtverwaltung war auf dem Weg ins Wahllokal. Selbstverständlich wähle er. Das sei staatsbürgerliche Pflicht, sagte Halfar beinahe beschwörend. Sogar einer Wahlpflicht redete der pensionierte Personalrat das Wort. Denn Halfar hatte kommen sehen, was fast alle Wahljahre wieder die Regel ist.

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Fast 40 Prozent der Einwohner mit Wahlrecht gaben ihre Stimme bei der Landtagswahl nicht ab. Das sind 35 836 Unterstützer der Nichtwähler-Partei. Wieder einmal. Bei 60,3 Prozent lag die Wahlbeteiligung diesmal, bei der Landtagswahl 2010 war sie mit 60,0 Prozent noch etwas niedriger. 2005 lag sie bei 64,2 Prozent und zur Jahrtausendwende gab es mit 57,4 Prozent an Wählern den Tiefpunkt. Seit den 90er Jahren bleibt die Wahlbeteiligung unter der 70-Prozent-Marke. Es herrschen also stabile Verhältnisse.

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Klare Verhältnisse indes sind etwas anderes. So groß wie es in den bunten Säulen und Tabellen an jedem Wahlabend ablesbar zu sein scheint, ist die Zustimmung der Einwohner der Stadt zu den so genannten großen und kleinen Parteien ja keineswegs. Klein sind nämlich längst alle Parteien.

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Allenfalls die SPD wird in Bottrop noch dem Anspruch gerecht, eine Volkspartei zu sein. Die 50-Prozent-Partei ist sie aber nur nach gewohnter Wahlberechnung. In Wirklichkeit fällt die Zustimmung für die nach der Nichtwähler-Partei stärkste Kraft ja geringer aus. Gemessen an den 90 226 Wahlberechtigten liegt sie mit ihren 26 861 Wählerinnen und Wählern bei 29,8 Prozent.

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Alle anderen sind nur Splitterparteien. Das gilt auch für die zweite sogenannte Volkspartei: die CDU. Sie stürzte bei dieser Landtagswahl in der Wählergunst ja ohnehin stark ab. 10 922 Wählerinnen und Wähler brachte sich noch hinter sich. In der Wirklichkeit liegt die Union damit bei einer Zustimmung unter den wahlberechtigten Bottropern von 12,1 Prozent.

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Die Nicht-Wähler-Partei in der Stadt ist mit ihren 35 836 Wählern längst annähernd so stark wie es eine sogenannte Große Koalition aus SPD und CDU wäre. Gemeinsam kamen die beiden großen Parteien noch auf 37 783 Wählerinnen und Wähler, also 41,9 Prozent an tatsächlicher Zustimmung.

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Da reichte nicht einmal eine Vierer-Koalition mit Grünen und FDP im Bunde zur echten Mehrheit.

Parteien-Prozente drücken Zustimmung falsch aus

Der prozentuale Stimmenanteil der einzelnen Parteien bei der Landtagswahl gibt das Verhältnis der gültigen Stimmen, die für die jeweilige Partei abgegeben wurden, im Verhältnis zu den gesamten gültigen Stimmen wider.

Diesen Maßstab anzulegen, führt jedoch zu einem Zerrbild. Denn es täuscht ein Maß an Unterstützung für die gewählten Parteien und ihre Vertreter vor, das in Wirklichkeit nicht annähend so groß ist.

So sind zum Beispiel bei dieser Landtagswahl fast 40 Prozent der Einwohner, die wählen dürfen, gar nichts erst ins Wahllokal gegangen und haben auch nicht per Brief abgestimmt.

Über ihre politischen Vorlieben ist damit zwar nichts gesagt. Fakt ist jedoch, dass sie bei dieser Wahl keine Partei unterstützten.

Norbert Jänecke


Kommentare
24.05.2012
12:34
Eine große Volkspartei gibt es noch - die Nichtwähler
von waz.norbert.jaenecke | #4

@dirty.old.man
Ich möchte gern in punkto Sachverstand und (Demokratie-)Verständnis in aller Kürze einige wenige Hinweise geben: Der Begriff Partei leitet sich aus dem Lateinischen ab und zwar von pars, also auch "Teil" oder "Rolle". In diesem Fall steht Partei also für den einen Teil, der nicht wählt, und den anderen Teil, der wählt oder eben für Menschen in der Rolle der Nichtwähler und Menschen in ihrer Rolle als Wähler.
Laut Wiktionary steht das Substantiv Partei allgemein für eine Gruppe von Personen(, die ein gemeinsames Ziel verfolgen). Es gibt aber zum Beispiel bei einem Streit auch mindestens zwei Parteien, die unterschiedliche Ziele verfolgen.
Ich denke, an Sachverstand oder gar Demokratieverständnis mangelt es mir nicht, wenn ich in meiner Betrachtung mit dem (hier:) Kunstbegriff der "Volkspartei" spiele, um die große Gruppe der Nichtwähler zu kennzeichnen.
Im übrigen stimme ich Ihrer Argumentation zu, auch wenn Ihre Wortwahl nicht die meine ist.

24.05.2012
07:43
Eine große Volkspartei gibt es noch - die Nichtwähler
von JohnGalt | #3

Zum Wahlrecht gehört auch das reht, nicht zu wählen. Statt über dumme Ignoranten zu jammern, sollte man besser Ursachenforschung betreiben. Und da möchte ich 1000Freunde04 zustimmen. Mit dieser Oligarchie wollen viele, auch politisch interessirte Menschn nichts mehr zu tun haben. Eine hässliche Kopfgeburt jagt die nächste in einer Politik, die längst nur noch den Machterhalt und nicht mehr die zu lösenden gesellschaftlichen Probleme im Blick hat. Politische Inhalte spielen bei den Wählern doch kaum noch eine Rolle, warum auch? "Mein Leben ist mir zu kostbar, mich unter einen Apfelbaum zu stellen und ihn zu bitten, Birnen zu produzieren. Ich nicht mehr. Ich habe mit diesem Land … nichts mehr zu schaffen" (Kurt Tucholsky)

22.05.2012
11:10
Nichtwähler sind keine Partei sondern Idioten
von dirty.old.man | #2

Nichtwählern Parteistatus zuzubilligen zeugt von einem absoluten Mangel an Sachversand und Demokratieverständnis.

Das Wahlrecht ist die einzige Möglichkeit, die Politik mitzugestalten. Wer dieses elementare Recht nicht nutzt ist dumm, ignorant und/oder faul.

Jeder Nichtwähler begünstigt die Chancen rechts- oder linksextremer Parteien, weil die von Wahlverweigerern profitieren.

Es gibt für manche Menschen gute Gründe keine der etablierten Parteien wählen zu wollen, aber auf jedem Stimmzettel gibt es genügend Traumtänzerparteien, bei denen man ein Kreuz machen kann, ohne Schaden zu verursachen.

Wenn bei 100% Wahlbeteiligung, 40% "Sonstige Parteien" gewählt werden, wäre das ein echter Schuss vor den Bug der Etablierten und verdiente meinen Respekt.

Die 40% die lieber in den Biergarten gehen oder vor der Glotze hocken, anstatt ihr Recht wahrzunehmen, sind für mich nichts weiter, als sich vor der Verantwortung drückende dumme Ignoranten.

2 Antworten
Eine große Volkspartei gibt es noch - die Nichtwähler
von Klaeusken | #2-1

Dem ist nichts hinzuzufügen,
meine vollste Zustimmung....

Eine große Volkspartei gibt es noch - die Nichtwähler
von stesocom | #2-2

Dito....

22.05.2012
07:50
Eine Volkspartei gibt es noch - die Nichtwähler
von 1000Freunde04 | #1

Alles richtig, was der Herr Jänecke da schreibt. Man kann die Sache aber auch mal anders herum betrachten. So wenig wie Politik in der Stadt oder im Land den Bürger tatsächlich erreicht, so hoch ist eine Wahlbeteiligung von 60 % zu bewerten. Wer kennt denn überhaupt noch die Ministeriums-Crew hinter der Ministerpräsidentin ? Wer weiß denn, was Frau Rukemper in Düsseldorf wirklich macht ? Gibt es im Land eine lebendige Opposition ? Dafür, dass die Zeiten von verbissenen Wahlkämpfen vorüber ist und die schillernden Figuren auch in der Politik leider verschwinden, ist es doch schön, dass noch fast zwei Drittel überhaupt an die Urnen geht. Motivier mal einen jungen Menschen, wählen zu gehen, wenn sich die Parteien ihm nicht mit einem erkennbaren Profil nähern ...

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