Bottrop

Eine Firmenübergabe braucht Anlauf

Benedikt Vortkamp (links) und Marion Hennecke haben gemeinsam den Glasereibetrieb Hennecke übernommen. Von rechts: Georg und Johannes Hennecke.
Benedikt Vortkamp (links) und Marion Hennecke haben gemeinsam den Glasereibetrieb Hennecke übernommen. Von rechts: Georg und Johannes Hennecke.
Foto: Labus / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Von langer Hand geplant haben die Glasermeister Georg und Johannes Hennecke ihren Rückzug aus dem 1911 gegründeten Familienbetrieb. „Vor fünf Jahren haben wir damit angefangen.“

Bottrop.  . Was früher wie ein Naturgesetz galt – der Junior übernimmt vom Vater – ist heute alles andere als selbstverständlich. Betriebsübergaben sind im Handwerk ein wichtiges Thema. Die Handwerkskammer empfiehlt eine sorgfältige Vorbereitung mit ausreichend Zeit. Von langer Hand geplant haben die Glasermeister Georg und Johannes Hennecke ihren Rückzug aus dem 1911 gegründeten Familienbetrieb. „Vor fünf Jahren haben wir angefangen, uns Gedanken über die Übergabe zu machen“, erzählt Johannes Hennecke (62).

Geselle zeigte Interesse

Denn ihren Gesellen Benedikt Vortkamp, der einst auch schon bei ihnen gelernt hatte und nach ein paar Jahren Pause 2007 zurückgekehrt war, konnten sie sich gut als einen Nachfolger vorstellen. Vortkamp wiederum hatte sowieso vor, einmal seinen Meister zu machen. „Und wenn man den hat, will man auch irgendwann sein eigener Chef sein“, meint der 32-Jährige.

Also sagte er Ja zum Vorschlag seiner Chefs, bestand 2013 seine Meisterprüfung. Und seit dem 1. Januar dieses Jahres teilt er sich die Führung des Betriebs mit Marion Hennecke (54), Ehefrau von Johannes Hennecke und als gelernte Kunstglaserin sowie Fachkauffrau im Handwerk schon lange im Betrieb tätig. - Chef bzw. Chefin sein, das ist schon etwas anderes, betonen beide, die sich mit ihren Kompetenzen ergänzen: ,,Man arbeitet nicht mehr nur für sich, sondern hat Verantwortung.“

Konkret angegangen sind die Vier die Übergabe Mitte 2014. „Der Berater von der Handwerkskammer war da, mit Steuerberater und Rechtsanwalt wurde alles abgeklärt“, erzählt Marion Hennecke. Ein wichtiger Punkt: Noch unter der Ägide der Brüder Hennecke wurde aus der Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) eine Offene Handelsgesellschaft (OHG). Nur so, schildern die Unternehmer, kann der etablierte Firmenname „Glas Hennecke“ auch in Zukunft bestehen bleiben. „Ich hatte nie vor, den Namen zu ändern“, betont Vortkamp.

Es folgte ein Unterschriften-Marathon. OHG-Vertrag. Kaufvertrag (mit Benedikt Vortkamp), Schenkungsvertrag (mit Marion Hennecke). Neuer Gesellschaftsvertrag. Ummeldungen beim Geschäftskonto, beim Gewerbeamt, bei der Steuerbehörde, beim Telefonanbieter, auch beim Straßenverkehrsamt – wegen der Firmenwagen. Reibungslos lief’s bei der Stadt und dem Finanzamt, so die Unternehmer. Umständlicher etwa bei der Telefongesellschaft. Wobei die Formalien ja nur das eine sind: „Ich habe Benedikt in den letzten anderthalb Jahren schon überall vorgestellt, damit es keinen Bruch gibt“, sagt Ex-Inhaber Johannes Hennecke, der auch weiterhin gern mit Rat und Tat bereit steht. „Von den privaten Stammkunden kenne ich viele schon seit der Ausbildung“, ergänzt Vortkamp.

Diese Betriebsübergabe ist deutlich von dem guten Verhältnis der Beteiligten untereinander geprägt. So waren sich beide Seiten schnell einig, sich beim Kaufpreis an der Einschätzung der Handwerkskammer zu orientieren. Vortkamp: „Wir gehen seit Jahren fair und gut miteinander um. Das Vertrauen ist da.“

Vertrauen

Vertrauen haben die beiden neuen Geschäftsführer der Glaserei, in der zwei Gesellen beschäftigt sind, auch in die Zukunft ihres Handwerks. „Glas ist ein innovativer Bau- und Werkstoff; im Bau wird viel damit gemacht“, so Marion Hennecke. Stark in den letzten Jahren: Küchenrückwände oder Treppengeländer aus Glas. „Und es ist ein kreativer Job, zu dem viel Beratung gehört“, ergänzt Vortkamp.

Und ihre Vorgänger? Nun, Johannes Hennecke will nun erstmal rund ums eigene Heim tätig werden – und seine Modelleisenbahn mal wieder fahren sehen. Sein Bruder Georg möchte „da weitermachen, wo ich vor 30 Jahren aufgehört habe – mit der Malerei.“ Für ihre Altersvorsorge haben sie beizeiten privat gesorgt. Ein Baustein ist die Miete für die Geschäftsräume, die ihnen ihre Nachfolger nun zahlen.

Was ist ein Betriebe wert?

Wenn weder jemand aus der Familie noch ein Meister aus dem Betrieb die Firma übernehmen möchte, gibt es die Möglichkeit, einen Nachfolger über die Betriebsbörse der Handwerkskammer (HWK) zu finden. Die Suche kann langwierig sein, und nicht immer ist der erste Interessent auch der richtige, warnt die HWK Münster. Daher der Rat: Nicht zu spät anfangen.

„Ein großes Thema bei der Betriebsübergabe ist die Frage: Was ist mein Betrieb wert?“, sagt Britta Schulz, Abteilungsleiterin betriebswirtschaftliche Beratung bei der HWK Münster.

Der Inhaber muss bei der Übergabe seine Altersvorsorge im Blick haben – und der Nachfolger sich die Frage stellen: Ist der Preis für mich wirtschaftlich? Geschaut wird dabei auf den Sachwert des Unternehmens (z.B. Gebäude, Maschinen, Fahrzeuge) und den Ertragswert (auf Basis der Bilanzen der letzten vier Jahre). Letztlich, so Britta Schulz, sind der Wert eines Unternehmens und der Preis, der dafür erzielt wird, nicht unbedingt gleich: „Die Frage ist ja, ob ich jemanden finde, der bereit ist, den Preis zu zahlen.“

Ausgleichszahlungen an andere Erben

Ein wichtiger Punkt bei einer Betriebsübergabe sei zudem, „dass es persönlich passt“ und dass ein klarer Plan formuliert wird, wann die Übernahme erfolgen soll. Wichtig gerade auch dann, wenn der Sohn dem Vater folgt. Bei einer Nachfolge innerhalb der Familie stellt sich u.a. auch die Frage nach Ausgleichszahlungen an andere Erben. Allerdings werde es grundsätzlich immer schwieriger, einen Nachfolger aus dem Familienkreis zu finden, hat Britta Schulz festgestellt. „Früher war klar: Der Junior übernimmt. Heute ist das nicht mehr so – und die Eltern erwarten das von ihren Kindern auch nicht unbedingt.“

Die HWK Münster stellt für übergabewillige Inhaber Leitfaden und Checkliste bereit und berät auch persönlich.