Ein Tanz auf dem Seil
23.06.2008 | 18:20 Uhr 2008-06-23T18:20:00+0200Das Kinderdorf am Köllnischen Wald wird 50 Jahre alt. 1958 war die Idee der Caritas revolutionär, Kinder und Jugendliche in kleineren Wohngruppen zu betreuen anstatt in einem Heim mit großen Schlafsälen.
Haus Sonnenstrahl oder Haus Frohgemut nennen die Kinder, Jugendlichen und Erzieher im Kinderdorf „Am Köllnischen Wald” ihre Wohnhäuser. Wie kleine Einfamilienhäuser stehen sieben dieser Domizile in der kleinen Siedlung an der Fernewaldstraße.
„Großzügig” fällt Kinderdorf-Leiter Erich van Thriel als Begriff ein, wenn er das Gelände beschreibt, und „revolutionär”, wenn es um die Anfänge des Kinderdorfs geht.
Denn heute feiert der Caritasverband das 50-jährige Bestehen seines Dorfs, und im Jahr 1958 war es alles andere als selbstverständlich, dass Kinder anstatt in Heimen mit großen Schlafsälen und Speisesälen in Einfamilienhäusern betreut werden.
Heute kümmern sich vier bis fünf Erzieher und eine Hauswirtschaftskraft in diesen Häusern um je neun Kinder oder Jugendliche. Hinzu kommen eine Familientherapeutin, ein Ergotherapeut, ein Sozialarbeiter und eine Heilpädagogin, die das Wohl der Kinder im Auge haben.
Insgesamt 57 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren leben im Kinderdorf. „Ich könnte wöchentlich eine neue Gruppe eröffnen”, umschreibt van Thriel den Bedarf an Betreuungsplätzen für Kinder und Jugendliche, die in ihren Familien nicht mehr klar kommen. Soziale Probleme haben zugenommen in den letzten Jahren. Ehescheidungen, Trennungen, auch sexueller Missbrauch von Kindern hinterlassen Spuren. Die Folgen: Kinder verweigern sich, sie werden agressiv, depressiv, und sie brauchen Hilfe.
Ohne die Eltern spielt sich dabei nichts ab im Kinderdorf. „Fast alle Kinder sind mit Zustimmung ihrer Eltern hier”, unterstreicht die stellvertretende Kinderdorfleiterin Hannelore Gauger. „Wir sind immer in Kontakt mit den Eltern, um die Beziehung der Familie zu dem Kind zu erhalten”, erklärte sie, „um dies zu erreichen, reicht die Betreuung durch die Erzieher allein nicht aus”.
Im Durchschnitt etwa zwei Jahre lang wohnen die Kinder und Jugendlichen in dem Caritas-Kinderdorf. Dann können sie zurück zu ihren Eltern. „Es sei denn die Eltern haben nicht die Kraft dazu, dann reden wir mit ihnen auch über die Möglichkeit, eine Pflegefamilie für die Kinder zu suchen”, sagte Hannelore Gauger – oder über einen Verbleib im Kinderdorf.
Familientherapeutin Christine Kukla betonte, dass die Erzieher im Kinderdorf ein regelrechtes Bündnis mit den Eltern eingehen. „Wir achten darauf, dass keine Loyalitätskonflikte mit den Kindern entstehen”, sagte sie. Die Kinder vollführten ja einen „Seiltanz”, findet sie.
Dennoch entstand offenbar eine große Bindung zum Kinderdorf. „Ich hatte neulich bei einem Ehemaligentreffen den Eindruck, dass viele das Kinderdorf als Zuhause ansehen”, sagte Caritas-Direktor Andreas Trynogga, der dem Kinderdorf-Team für seine Arbeit dankte. „Sie leben das Kinderdorf”, lobte Trynogga.
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