Ein finnischer Abend beim Klavierfestival Ruhr

Im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr präsentiert Henri Sigfridsson ein reines Sibelius-Programm.  Das Bild zeigt ihn bei einem Konzert in Herne.
Im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr präsentiert Henri Sigfridsson ein reines Sibelius-Programm. Das Bild zeigt ihn bei einem Konzert in Herne.
Foto: Dietmar Wäsche / WAZ Fotopool
Was wir bereits wissen
Der Pianist und Folkwang-Professor Henri Sigfridsson stimmt einen großen Gesang auf seinen finnischen Landsmann Jean Sibelius an.

Bottrop..  Henri Sigfridsson ließ es sich nicht nehmen, zur Begrüßung im Kammermusiksaal seinen finnischen Landsmann Jean Sibelius (1865 – 1957) zu würdigen. Er gab zu, erst jetzt, nach rund 20-jähriger intensiver Beschäftigung mit dessen Klavierschaffen Sibelius zu verstehen – die Psyche sei immer der Kern seiner Werke. Dank dem Klavierfestival Ruhr hörte man nun Sigfridsson mit einem reinen Sibelius-Programm: ein Abend mit vielen leuchtenden, lyrischen Finessen.

Bekannte und seltene Kompositionen

Der janusköpfige Komponist aus Helsinki soll, ein Zitat belegt dies, sein pianistisches Oeuvre nicht allzu hoch eingeschätzt haben. Das Hören von bekannten und seltenen Kompositionen korrigiert diesen Eindruck beim Sigfridsson-Solo deutlich: Der Folkwang-Professor ist ein virtuoser Könner, aber eben auch ein nachdenklicher Erzähler dieser Hommage an die „wilde“ Natur, an die Landschaftskontraste und an die menschliche Seele. Zum Finale erlaubt sich der Gast auch pathetische Töne, wenn er das bekannteste Stück von Sibelius, die „Finlandia“-Hymne, prachtvoll mit den Tasten und Pedalen des Instruments herausarbeitet. Ein starker Schluss.

Zuvor investierte Sigfridsson im Jubiläumsjahr Sibelius´ alles, was man sich im pianistischen Panorama wünschen kann: Elegie und Emotionalität in den Impromptus (op. 5), naturalistisches Gemälde in den fünf Stücken op. 75, spätromantische Landschaftsidyllen in den „Fünf Skizzen“ op. 114, lyrischen Nebel in „Kylikki“ (op. 41), Totentanz-Raffinesse im „Valse triste“ (op. 44) und düster-dämonischen Balladenton in „Belsazars Gastmahl“ (op. 51).

Gekrönt wurde der „Sibelius-Gesang“ von der „Finlandia“-Ode als kämpferische Attacke wider Unfreiheit und Intoleranz. Sigfridsson steigerte sich in diesem Stück zu einer „tour de force“, einem effektvollen und grandiosen Bravourstück mit mythologischen Anspielungen und heldischem Furor. Verstehen kann man sie auch als „lebende Bilder“ aus der finnischen Geschichte. Bei diesem Pianisten spielt das Herz in jeder Phase mit. „Schatzsucher“ Sigfridsson bestätigte mit seinem nur scheinbar einseitigen Sibelius-Solo seinen Ausnahme-Status als ebenso introvertierter wie stilistisch kompetenter Musiker.

Fast ausverkaufter Kammerkonzertsaal

Zwei Solisten-Abende, zwei Höhepunkte der Saison – das Klavierfestival Ruhr bescherte den Musikfreunden in diesem Jahr mit Mona Asuka Ott und mit dem Finnen Henri Sigfridsson zwei international gewürdigte Pianisten mit intelligent gefügten Programmen.

Sigfridsson, seit 2011 Professor an der Folkwang-Hochschule in Essen, widmete sich ganz seinem Landsmann Jean Sibelius (1865 - 1957), der es lange in den Konzertsälen der Welt schwer hatte, gerade im Klaviermetier. Denn seine Musik ist nationalistisch gefärbt, aber eigenbrötlerisch, dumpf , herb.

Glaubensbekenntnisse

Der Solist, im fast ausverkauften Kammermusiksaal gefeiert, dennoch nicht zu einer Zugabe bereit, entfachte ein Identitätsfanal: Sibelius begriff seine Sinfonien und großen Instrumentalwerke als „Glaubensbekenntnisse“. Auch in seinem pianistischen Schaffen sind Perlen zu entdecken. Sein wohl bekannteste Stück ist die „Finlandia“-Hymne, als kämpferische Attacke gegen Unfreiheit und Intoleranz.

Sigfridsson meisterte mit packendem Zugriff, aber auch mit introvertierter Stille unterschiedliche Kammermusik von Sibelius – wie „Valse triste“, „Belsazars Gastmahl“ oder die „Kylikki“-Lyrik.