Die Karstadt-Schließung schockiert die Bottroper

Karstadt schließt im März 2016. Die Kaufhaus-Geschichte in Bottrop begann1892 mit dem Althoff-Haus.
Karstadt schließt im März 2016. Die Kaufhaus-Geschichte in Bottrop begann1892 mit dem Althoff-Haus.
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Was wir bereits wissen
Für alle Beteiligten kam Beschluss zur Aufgabe des Warenhauses unvermittelt. Oberbürgermeister erhielt vor wenigen Wochen noch ganz andere Signale.

Bottrop.. Nach der Entscheidung des Karstadt-Aufsichtsrates, das Bottroper Haus im März 2016 zu schließen, fordert Oberbürgermeister Bernd Tischler die Karstadt-Führung auf, jetzt „vernünftige Regelungen für Mitarbeiter zu treffen“. Die hatte die Nachricht aus der Konzern-Zentrale am Montagnachmittag ebenso unvermittelt erhalten wie der Oberbürgermeister. Per E-Mail aus Essen war Tischler am Montagnachmittag um Rückruf gebeten worden. Der gestaltete sich gewichtig im Inhalt und eher lapidar im Ton: „Bevor ich es aus den Medien erfahre, wolle man mir mitteilen, dass das Bottroper Haus aufgegeben werde“, sagt OB Tischler.

Noch vor kurzem klang alles ganz anders. In einer Gesprächsrunde mit Managern aus der Essener Karstadt-Zentrale und der Bottroper Geschäftsführung gewann Tischler unmissverständlich den Eindruck, die Niederlassung entwickle sich positiv, das neu gestaltete Konzept sei vielversprechend. So war es in den vergangenen Wochen auch bei der Belegschaft angekommen.

Betriebsrätin Irmgard Heßling-Schmeer wurde von der Entscheidung ebenso überrascht wie die übrigen über 80 Mitarbeiter. Gegen 17.30 Uhr am Montag hatten die Betriebsräte davon erfahren. Um 18 Uhr wurde die Filiale geschlossen und die Mitarbeiter wurden informiert. Nach WAZ-Informationen überbrachte der Geschäftsführer des Dortmunder Hauses die Nachricht. Wie es für die Kollegen weitergeht, dazu konnte sich Irmgard Heßling-Schmeer nicht äußern, verwies an die Verantwortlichen in Essen. Dort müsse ein Sozialplan verhandelt werden. Irmgard Heßling-Schmeer: „Viele sind mehr als 20 Jahren bei Karstadt.“

Lenkungsgruppe

Bernd Tischler: „Ich werde als nächstes dem Wirtschaftsförderungsausschuss und dem Rat vorschlagen, eine Art Lenkungsgruppe einzurichten, in dem die Politik, die Industrie- und Handelskammer, der Einzelhandelsverband und eventuell weitere Akteure vertreten sind. Es muss jetzt ein seriöses Handeln unter politischer Abstimmung organisiert werden. Und hoffentlich hören wir dann auch bald von dem Eigentürmer des Karstadt-Hauses.“ Das ist die Highstreet Holding, eine Vermietungsfirma ohne eigene Angestellte mit Sitz in Amsterdam. Zu ihr gibt es noch keinerlei Kontakte.

Zwei Szenarien drängen sich gegenwärtig auf: Das Karstadt-Haus wird so saniert, dass es Investoren für neue Einzelhandelsaktivitäten. attraktiv erscheint. Ob sich dies bis in die vierte Etage verwirklichen lässt oder sich nur auf das Erdgeschoss beschränkt, bleibt offen. Der zweite, noch sehr gewagte Gedanke, sind Abriss und Neugestaltung. Beide Szenarien entstanden übrigens schon im Jahr 2010.

Appell der Politik

Die Bitte, die Schließung des Karstadt-Hauses zu überdenken, richtet SPD-Vorsitzender Michael Gerdes an Karstadt-Chef Stephan Fanderl. „Eine Schließung der Karstadt-Filiale wird möglicherweise sehr negative Auswirkungen haben, für die Mitarbeiter und für die Stadtentwicklung“, machte Gerdes in einem Schreiben an den Karstadt-Vorstandsvorsitzenden deutlich.

„Der Verlust weiterer Arbeitsplätze wäre ein herber Rückschlag. Zudem schätzen wir Karstadt als einen für den innerstädtischen Handel sehr wichtigen Kundenmagneten“, meinte der SPD-Vorsitzende, der sich gemeinsam mit SPD-Fraktionschef Thomas Göddertz an den Karstadt-Chef wandte. Karstadt sei in Bottrop kaum zu ersetzen, befürchten die beiden Ratsherren.

Bestürzt ist der Deutsche Gewerkschaftsbund. Der Verlust von 85 tarifierten Arbeitsplätzen bedeute einen herben Schlag für die Bemühungen, die Stadt für die Zeit nach dem Bergbau neu aufzustellen, meint Vorsitzender Reinhard Thater. Auch CDU-Vorsitzender Bernd Hohaus sieht das so. „Für die Stadt ist das ein Schlag ins Kontor.“ Nicht akzeptabel sei die Art und Weise, wie die Schließung den Mitarbeiterinnen mitgeteilt worden sei. „Da so mal eben schnell die Leute zusammenzuholen, das finde ich nicht okay.“ Das Ende für Karstadt mache einen Strich durch die Pläne, den Kunden auf einer Achse von Kaufland über das Hansa-Center bis Karstadt attraktive Einkaufsmöglichkeiten zu bieten. Wie sich das Karstadt-Aus nun auf die erneut verlängerten Gespräche mit Geldgebern für die abgebrochene Modernisierung des Hansa Centers auswirken wird, fragt sich auch CDU-Fraktionschef Hermann Hirschfelder.

Mitarbeiter vom Karstadt-Aus kalt erwischt

Der Geschäftsführer des Dortmunder Karstadt-Hauses hat am Montagabend die Mitarbeiter über das Aus für die Bottroper Filiale informiert. „Es herrschte Totenstille“, beschreibt eine Karstadt-Mitarbeiterin die Situation. Bei einigen langjährigen Karstadt-Mitarbeitern flossen auch Tränen.

Eigentlich sollen die Mitarbeiter nichts öffentlich sagen. Gegenüber der WAZ spricht eine Mitarbeiterin – anonym: Mit dem Ende habe zu diesem Zeitpunkt keiner gerechnet, sagt sie. Sie arbeitet seit mehr als 30 Jahren für das Unternehmen.Wie es mit ihr und den Kollegen weitergeht, konnte am Montagabend niemand sagen. Betriebsrat und Konzernführung würden nun über einen Sozialplan verhandeln. Wie der am Ende aussieht wisse bisher keiner. „Auch Fragen konnte keiner beantworten.“

Der Dortmunder Geschäftsführer habe ein vorbereitetes Statement verlesen. Darin wurde ausdrücklich Bezug auf die Ikea-Ansiedlung genommen. Dadurch habe Karstadt in Bottrop keine Chance mehr.

Zuvor sei die Belegschaft kurzfristig informiert worden, dass man das Haus heute früher schließe wegen einer Mitarbeiterbesprechung. Rund 30 Kollegen seien noch dagewesen und hätten an der Sitzung teilgenommen. „Auch unsere Betriebsrätin und der Geschäftsführer waren geschockt“, beschreibt die Mitarbeiterin die Versammlung.

„Das es jetzt so Knall auf Fall kommt, damit hätte niemand gerechnet.“ Zuletzt habe die Belegschaft immer wieder positive Signale erhalten. „Es hieß auch intern, dass das Haus gut dasteht.“ Zuletzt gab es Umbaupläne für die Filiale.

Diese Tatsache habe den Mitarbeitern Mut gemacht – obwohl zuvor schon zehn Kollegen gekündigt worden war. Für sie wurde eine Auffanggesellschaft gegründet. „Trotzdem haben wir geglaubt, wir hätten eine Chance.“ Wie es weiter geht? Bis Ende März müssen die Mitarbeiter ganz normal weiterarbeiten. Danach steht zunächst die große Ungewissheit. „Viele von uns sind älter und hatten nur noch wenige Jahre bis zur Rente. Wir finden doch nichts mehr.“

Fristverlängerung beim Poker um das Hansa Center

Das Ringen ums Hansa Center geht in die Verlängerung. Ende April ist erneut eine Frist abgelaufen, der Verkauf hätte eigentlich in trockenen Tüchern sein können. Doch aus Verhandlungskreisen ist zu hören, dass diese Frist nun noch einmal verlängert wurde. Allerdings seien die Verhandlungen weiter auf einem guten Weg. „Man bewegt sich aufeinander zu“, so die Aussage eines Beteiligten. Auch würden die jeweiligen Fristen von mal zu mal kürzer. Wie berichtet waren Sachverständige in dem Gebäude unterwegs. Die haben wohl herausgefunden, dass die befürchteten Schäden und Mängel nicht so gravierend sind wie anfänglich vermutet. Dem Vernehmen nach soll bereits Bilfinger als Bauunternehmen mit im Boot sein und Planungsarbeiten erledigen.

Das war der Stand vor der Karstadt-Entscheidung. Inwieweit die Schließung des Warenhauses Einfluss auf die Entwicklung am Hansa-Center hat, ist unklar. Mehrfach hatte der Insolvenzverwalter gegenüber der WAZ betont, dass das Thema Karstadt in den Verhandlungen mit potenziellen Investoren keine Rolle gespielt habe. Dies bedeute aber nicht, dass sie sich nicht möglicherweise im Vorfeld Gedanken über die Situation gemacht hätten. Was das Karstadt-Aus für Hansa-Center-Investoren bedeutet, darüber kann nur spekuliert werden.

Ganz zu Beginn der Arbeiten wurde noch von allen Seiten betont, dass Karstadt und das Einkaufszentrum voneinander profitieren könnten. Angedacht war ursprünglich eine Innenstadt-Achse von Kaufland über das Hansa Center bis hin zu Karstadt. Aus Investorensicht wäre aber vielleicht auch das Gegenteil denkbar.

DGB: Manager sind Schuld an Karstadt-Ende

DGB-Chef Reinhard Thater führt die Schließung des Bottroper Karstadt-Hauses auf Managementfehler zurück. „Hätte man den Warenhauskonzern rechtzeitig auf die geänderten Wünsche der Kunden ausgerichtet und die versprochenen Investitionen in die Attraktivität getätigt, hätte das Bottroper Haus eine goldene Zukunft haben können“, meint er.

Schärfere Töne kommen von der Linkspartei. „Spekulanten an der Spitze des Konzerns haben das Unternehmen an die Wand gefahren“, meint Sprecher Günter Blocks. Wie die Linkspartei ermuntert auch die DKP die Karstadt-Beschäftigten, um ihre Arbeitsplätze zu kämpfen. Gemeinsam mit der Gewerkschaft Verdi sollten die Mitarbeiter mit Protestaktionen die Karstadt-Führung dazu auffordern, den Schließungsbeschluss zurückzunehmen.

„Für Bottrops City sehe ich schwarz“, meint Linken-Sprecher Blocks. „Die Hansa-Ruine belastet die City ohnehin“, meint er. Dann sei auch noch der Elektronikmarkt Pro Markt aufgegeben worden. „Wir brauchen jetzt frischen Wind für die City“, fordert er. Auch Dirk Bönte fordert für die Ratsgruppe aus FDP und Piraten „zügige Lösungen, um einem drohenden Leerstand in der Innenstadt entgegenzuwirken“