Die Inklusion bleibt auch in Bottrop noch ein Fernziel

Zum gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung äußerte sich im WAZ-Interview der Erste Beigeordnete Paul Ketzer.
Zum gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung äußerte sich im WAZ-Interview der Erste Beigeordnete Paul Ketzer.
Foto: Winfried Labus/WAZ-FotoPool
Was wir bereits wissen
Gemeinsames Lernen wird schon seit Jahren an Bottroper Schulen umgesetzt. Fehlendes Personal war stets die Hauptsorge. Sie hat sich bewahrheitet .

Bottrop.. Das erste Schulhalbjahr ist fast vorbei, und der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ist inzwischen Alltag an einigen Schulen im Stadtgebiet.

Oder doch nicht? WAZ-Redakteurin Andrea Kleemann sprach mit Paul Ketzer, 1. Beigeordneter der Stadt, über Erfahrungen mit der so genannten Inklusion.

Welches Fazit können Sie nach dem ersten Schulhalbjahr ziehen?
Es gibt nicht den Förderschüler. Die Arten und Ausprägungen des notwendigen sonderpädagogischen Förderbedarfs sind breit gefächert und stellen Schulen vor große Herausforderungen. Das 9. Schulrechtsänderungsgesetz verlangt seine Umsetzung, und gemeinsames Lernen wird seit Jahren an Bottroper Schulen umgesetzt. Dennoch ist Inklusion ein Fernziel.


Wie viele Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden an den Regelschulen unterrichtet?
Die Zahlen schwanken seit Schuljahresbeginn - bedingt beispielsweise durch Umzüge. Fünf Grundschulen wurden zu Standorten des Gemeinsamen Lernens bestimmt, hier wurden zu Schuljahresbeginn insgesamt 80 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichtet. An den fünf weiterführenden Schulen, die als Orte Gemeinsamen Lernens ausgewiesen wurden, werden insgesamt 121 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichtet.


Welche Probleme stellen sich an den Schulen?
Vor allem fehlen Lehrer, das kommt bei mir an. Die personelle Besetzung war die größte Sorge der Schulen im Vorfeld, und dies hat sich dann auch bewahrheitet. Klar, zahlenmäßig sind alle Schulen entsprechend ausgestattet. Aber Lehrer werden auch mal krank, und wenn ein Förderlehrer erkrankt, ist dies im Schulalltag so leicht nicht aufzufangen. Die Schulen wünschen sich hier mehr Unterstützung vom Land. Zudem stellt sich immer wieder die große Herausforderung, sinnvoll zu beschulen, denn das Delta der sonderpädagogischen Bedürfnisse ist riesig.Die wichtige Bezugsperson des Förderlehrers müsste viel öfter vor Ort sein. Zudem ist die Fort- und Weiterbildung der Regelschullehrer unzulänglich.


Wie konnten bislang die Kosten gestemmt werden?
Der Städtetag hat sich mit der Landesregierung auf einen Kompromiss geeinigt, der eine pauschalierte Zahlung von 25 Millionen Euro pro Jahr für die Dauer von fünf Jahren an die Kommunen des Landes vorsieht. Die Stadt Bottrop erhält in den nächsten fünf Jahren insgesamt eine Million Euro, also 200 000 Euro pro Jahr, um die räumlichen und sachlichen Voraussetzungen für den gemeinsamen Unterricht zu schaffen. Und wir erkennen zunehmend, wie kostenintensiv es tatsächlich ist, Inklusion an Schulen umzusetzen.


Bislang stand eine eventuelle Klage der Städte gegen das 9. Schulrechtsänderungsgesetz im Raum. Wie steht die Stadt Bottrop dazu?
Gegen Ende des 1. Schulhalbjahres werden wir entscheiden, ob wir den Kompromiss und damit die 200 000 Euro jährlich annehmen oder klagen. Die Klage müsste bis zum 1. August eingereicht sein. Aber Klagen heißt nicht, immer zu gewinnen!

Prozess schreitet mit wachsener Dynamik voran

Zeichnen sich positive Effekte im gemeinsamen Unterricht ab?
Die Erfahrungen zeigen, dass sich der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung positiv auf die soziale Kompetenz auswirkt. Das Klima in den Klassen ist besser, Ausgrenzung von Mitschülern mit Behinderung ist kein Thema. Und die Sorgen und Ängste der Eltern, dass Lernziele möglicherweise nicht erreicht werden, haben sich weitgehend nicht bestätigt.


Was muss für die Zukunft auf den Weg gebracht werden?
In den nächsten sechs Jahren müssen 20 Schulstandorte in Standorte gemeinsamen Lernens umgewandelt werden - also 14 Grundschulen und sechs weiterführende Schulen. Unbedingt müssen die Gymnasien ins Boot geholt werden, Gespräche dazu sind in Kürze geplant. Auch die Sekundarschule wird ein solcher Ort sein. Inklusion ist für den Schulträger eine große Aufgabe. Schließlich sollen alle Kinder gute Voraussetzungen in den Schulen vorfinden. Wir sind auf dem Weg, aber der Prozess wird viele Jahre dauern, sukzessive aber auch mit wachsender Dynamik voranschreiten.