Die Glocke aus St. Barbara gehörte stets nach Polen

Die Kirchenglocke aus St. Barbara in Bottrop läutet heute in St. Nikolaus im polnischen Dorf Polanka Wielka. Hier im Bild: Vikar Andrzej Zemla.
Die Kirchenglocke aus St. Barbara in Bottrop läutet heute in St. Nikolaus im polnischen Dorf Polanka Wielka. Hier im Bild: Vikar Andrzej Zemla.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Aus der Stadtgeschichte. Wie ein Bottroper Ex-Bergmann die Rückgabe der alten Glocke an eine Kirchengemeinde im polnischen Dorf Polanka Wielka sieht.

Bottrop.. „In über hunderten deutschen Städten läuten bis heute historische Glocken, die aus polnischen Kirchen geraubt wurden.“ („Gość Niedzielny“, katholische Zeitschrift in Polen)

Mich hat dieses Zitat rasend gemacht. Ich, ein Bergmann aus Bottrop, fühlte mich persönlich als Liebhaber des Nazi-Diebstahlguts abgestempelt.

Dabei war die Rückgabe der Glocke aus der Barbara-Kirche ein wunderschönes Ereignis, das zur deutsch-polnischen Verständigung viel beigetragen hat. Vor allem die Einwohner der Gemeinde Polanka Wielka, aus deren Kirche die Nazi-Deutschen diese Glocke 1942 beschlagnahmten, haben ihre Rückkehr als Akt der Freundschaft empfunden.

Weil die Zeitschrift „Gosc Niedzielny“ auch in Polanka Wielka gelesen wurde, hatte ich das innere Bedürfnis, dieses Zitat in einem anderen Licht darzustellen. In dem Brief, der an die Kirchengemeinde und den Bürgermeister adressiert war, habe ich meine Erfahrungen mit der Glocke geschildert und erklärt, dass die Ethik der Bergbau-Solidarität ausschloss, an Dingen, die nicht uns gehören, Freude zu haben. Ich habe den Einwohnern des Dorfes Polanka Wielka versichert, dass wir Bergleute die Glocke eigenhändig aus dem Turm geholt und ihnen überreicht hätten, wenn wir gewusst hätten, dass es ihre Glocke ist.

Seit über 32 Jahren bin ich ein Bottroper Bürger. Fast 20 Jahre habe ich auf Prosper-Haniel unter Tage gearbeitet. Als Bergmann war und bin ich mit der Heiligen Barbara sehr verbunden. Oft habe ich den wunderschönen Klang der Glocke der Barbarakirche bewundert, wobei ich niemals auf den Gedanken gekommen wäre, dass dort nicht unsere Glocke läutet. Niemand in der Kirchengemeinde, in der Stadtverwaltung und auch niemand auf dem Pütt wusste, dass diese Glocke ein Bestandteil der Kriegsbeute ist.

Rechtmäßige Besitzer

Ich bin tausend Prozent sicher, wenn dies damals Kardinal Franz Hengsbach und Bergwerkschef Hans Ketteler bekannt gewesen wäre, dann hätten sie alles, was in ihrer Macht steht, getan, um die Glocke dem rechtmäßigen Besitzer wieder zurückzugeben. Spätestens am 2. Mai 1987, als Papst Johannes Paul II. auf Prosper-Haniel zu Gast war, hätten wir, die Bergleute aus Bottrop, die Glocke aus der Barbarakirche dem Kirchenoberhaupt aus Polen zurückgegeben.

Auch an die Redaktion der „Gość Niedzielny“ habe ich einen persönlichen Brief geschrieben: „Wir Deutschen sind Polen sehr dankbar für die Emigranten, die über die Jahre zum Aufschwung unserer Wirtschaft beigetragen haben. Wir danken euch für den Papst, der zur Deutsch-Polnischen Verständigung sehr viel geleistet hat. Wir danken euch für die „Solidarnosc“, die verursacht hat, dass die beiden deutschen Städte zusammen sind. Wir danken euch für die polnischen Fußballspieler, die die Deutsche Bundesliga bereichert haben. Nur haben wir Deutschen an euch eine Bitte: Werfen Sie uns nicht in denselben Sack mit den Deutschen, die eure Kirchenglocken geraubt haben - die gibt es nicht mehr und wird es nicht mehr geben“.

Das Wiedersehen war ein bewegendes Erlebnis

Vor kurzem war ich mit meiner Frau in Polen, und bei dieser Gelegenheit haben wir einen Abstecher nach Polanka Wielka gemacht, um zu schauen, wie es der Glocke aus der Barbarakirche in Bottrop so geht.

Als die Einwohner des Dorfes erfahren haben, dass der Fremde, der den Kirchenturm beobachtet, Autor des Briefes an die Gemeinde ist, brach im Ort eine Sensation aus. Es hat sich herausgestellt, dass mein Brief über vier Sonntage lang in allen Gottesdiensten vorgelesen wurde. Der Inhalt meines Briefes und das Bekenntnis der Bottroper zur freiwilligen Rückgabe der Glocke verursachten, dass alle Einwohner des Dorfs Polanka Wielka nun Fans der Stadt Bottrop geworden sind.

Der Pfarrer der Kirchengemeinde, Prälat Tadeusz Porzycki, der über langwierige Recherchen die Glocke in Bottrop gefunden hatte, begleitete mich trotz seiner 72 Jahre zum Glockenturm. Das Wiedersehen mit der Glocke, die einmal im entfernten Bottrop nicht nur den Bergleuten geläutet hat, war für mich ein bewegendes Erlebnis.

Schlussendlich haben mich mein Besuch in Polanka Wielka, die Gespräche mit dem Pfarrer und dem Bürgermeister bestätigt, dass mein Bedürfnis, den Brief an die Einwohner zu schreiben, richtig war. Auch die Korrespondenz mit der Zeitschrift „Gosc Niedzielny“ haben wir in einer freundschaftlichen Atmosphäre zu Ende gebracht.