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Die düsteren Träume des mondsüchtigen Pierrot

14.10.2012 | 16:48 Uhr
Die düsteren Träume des mondsüchtigen Pierrot
Das Bottroper Kammerorchester führt im Malakoffturm Schönbergs „Pierrot lunaire“ auf.Foto: Peggy Mendel

Bottrop.   Das Bottroper Kammerorchester spielt im Malakoffturm Schönbergs „Pierrot lunaire“ - ein würdiger Beitrag zum 100. Jubiläum.

„Irritierend, nervös, aufgepeitscht“ – so empfand der deutsch-jüdische Schriftsteller Max Brod die Musik des „Pierrot lunaire“. Der in Prag lebende Autor beschreibt ziemlich treffsicher den Charakter von Arnold Schönbergs Melodram-Miniaturen, und viele Zeitgenossen mögen es ähnlich empfunden haben. Von einer Prager Aufführung des Stückes ist jedenfalls bekannt, dass sie im Tumult endete.

Doch Brod wollte seine Empfindungen durchaus positiv verstanden wissen. Der „Pierrot“ sei ein Werk von unerhörter Bedeutung, für Generationen geschaffen. Und es darf angemerkt werden, dass die Uraufführung selbst, vor 100 Jahren in Berlin, ein ordentlicher Erfolg war. Das Ensemble wagte daraufhin sogar eine Tournee durch mehrere deutsche Städte – nirgends ein Skandal. Einzig die Säle waren oftmals nur halb gefüllt.

Expressives Werk

Über das Jahrhundert hinweg besehen, ist Schönbergs hochexpressives, atonales Werk für Kammerensemble und eine Sprechstimme sicher nicht die erste Wahl auf den Konzertpodien. Das macht nun die Aufführung des Bottroper Kammerorchesters unter der kundigen, auf klare Einsätze bedachten Leitung von Kai Röhrig umso bedeutender. Und die Musiker können sich auf ihr Publikum verlassen: Im kleinen Saal des Malakoffturm herrscht an diesem Samstag Abend drangvolle Enge. Die spröden, gleichwohl spannenden Schönberg-Klänge finden aufmerksame, mitnichten aufgeschreckte Hörer.

Dies ist zuerst der Solistin zu danken. Die mimische Ausdruckskraft von Katharina Rikus ist mindestens so beachtenswert wie ihre deklamatorische Virtuosität. Wie geschaffen also für die 21 kleinen Melodramen nach Gedichten von Albert Giraud, oft düstere Traumsequenzen, bisweilen blutrünstig, grotesk und nahezu surreal in ihrer aufgeladenen Symbolik. Rikus ist Garantin dafür, dass die Dramen um den mondsüchtigen Pierrot uns unmittelbar ergreifen. Und auf bemerkenswerte Weise taucht das Ensemble Bilder und Befindlichkeiten in gleißende, fahle oder wild herausbrechende Klänge.

Ein würdiger Jubiläumsbeitrag

Ein würdiger Jubiläumsbeitrag, dem der „Gesang zur Nacht“ des jungen Gelsenkirchener Komponisten Michael Em Walter vorausgeht. Geschrieben auf das gleichnamige 12teilige Gedicht Georg Trakls, in starker Anlehnung an den Tonfall des Expressionismus. Hier darf Katharina Rikus wirklich singen, überzeugend vor allem in dunkler, samtiger Altlage. Walter pflegt in dieser düsteren Szenerie die Figur des Wanderers, der wohl seinem Ende entgegen geht – wenn auch der musikalische Verlauf mitunter etwas ziellos erscheint.

Martin Schrahn


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