Bottrops Kulturrocker ist jetzt ausstellungsreif

Zwischen „Ulcus Molle“ und Fotos vonnBiby Wintjes: die Ausstellungsmacher Werner Streletz und Steffen Stadthaus (v.l.)
Zwischen „Ulcus Molle“ und Fotos vonnBiby Wintjes: die Ausstellungsmacher Werner Streletz und Steffen Stadthaus (v.l.)
Foto: W. Labus / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Ausstellung „Szene, Scene, Suppkultur. Biby Wintjes - Papst des Underground“ eröffnet morgen in der Kulturkirche Heilig Kreuz. Blicke in die Alternativkultur der 60er bis 80er Jahre

Bottrop..  Dass dem einstigen „Papst der linken Gegenkultur“ einmal eine Ausstellung in einer Kirche gewidmet sein würde, hätte sich Josef „Biby“ Wintjes sicher nicht träumen lassen. Als er vor gut 20 Jahren in seiner Heimatstadt Bottrop starb, war die Zeit vielleicht schon etwas über ihn hinweg gegangen - und die heutige Kulturkirche Heilig Kreuz zwar schon ein Denkmal, aber noch ständig genutzter katholischer Kultort. Irgendwo taucht zwischen Covern, Fotos und Zeitschriftenausgaben auf rauem Papier auch ein Porträt von Ulrike Meinhof auf - heute milde beleuchtet im gebrochenen Licht des großen Kirchenfensters.

In dem prägnanten Nachkriegsbau von Rudolf Schwarz gibt das Ausstellungsteam um Literaturwissenschaftler Dr. Steffen Stadthaus, den früheren WAZ-Kulturredakteur und Bottroper Biby-Zeitgenossen Werner Streletz nun einen Einblick in Bibys Welt. In einem halbkreisförmigen Parcours führen sie und die beiden Ausstellungsgestalterinnen Sonja Deffner und Wiebke Hagenauer die Besucher gewissermaßen durch drei Schichten von Wintjes’ kulturellem Lebenswerk.

Nachlass in der Humboldt-Uni Berlin

Herzstück der Schau, die am Freitagabend eröffnet, ist das Arbeitszimmer des Betreibers jenes „Literarischen Informationszentrums“, von dem aus nicht nur das vertrieben wurde, was in den 60er bis 80er Jahren als - überwiegend literarische - alternaltive Gegenkultur en vogue war - oder durch Biby wurde. Der Bottroper vermittelte auch Autoren an alternative Verlage und hatte mit der Zeitschrift „Ulcus Molle Info“ ein Diskussionsforum und Verbreitungsorgan für all das geschaffen, was damals nicht „Mainstream“ war oder diesen vielleicht sogar bekämpfte.

Im „Arbeitszimmer“ zeigen Stadthaus und Streletz viele Originale aus Bibys Nachlass. Den verwahrt inzwischen das Institut für Europäische Ethnologie der Berliner Humboldt Universität, an der auch Steffen Stadthaus lehrt und forscht. Für Stadthaus und Streletz diente der als Fundgrube für die Ausstellung, in der sich im zweiten Schritt um das „Arbeitszimmer“ herum die Themen ziehen, die Biby Wintjes und mindestens die gut 2000 Ulcus-Molle-Abonnenten bewegten, die die Zeitschrift in ihrer Hochzeit bezogen. Als Biby den Ulcus 1990 einstellte, waren es noch 500 Treue. „Apo-Opas nannte man sie wohl schon zu der Zeit, so wie auch Biby selbst“, sagt Steffen Stadthaus.

Die Themenkreise, die sich auf Stellwänden um Bibys „Arbeitszimmer“ ziehen, behandeln alle damals „heißen Eisen“: Feminismus, Terrorismus, aber auch Indien und „Esoterik“. „Als das ,out’ war, kam die Umweltthemen und die Anfänge der Grünen“, erinnert sich Werner Streletz, der - nur zwei Jahre jünger - Biby noch in Bottrop erlebt hatte.

Sogar unter Pornografie-Verdacht

Die Bottroper Welt des Josef „Biby“ Wintjes (1947 - 1995) nimmt inmitten der zahlreiche Exponate der Ausstellung in der Kulturkirche eher einen schmalen Raum ein. Es gibt natürlich zahlreiche Fotografien, die ihn zeigen, vor allem auch eine kleines Bild in seinem damaligen Büro der Firma Krupp in essen, wo er als Programmierer arbeitete.

Auch das Original seines Kündigungsschreibens, mit dem er 1974 seine Arbeit dort beendete, ist im nachempfundenen „Arbeitszimmer“ zu sehen. Fortan widmete Wintjes sich ganz seinem 1969 gegründeten „Literarischen Informationszentrum“, der Zeitschrift „Ulcus Molle Info“ und dem Vertrieb alternativer Literatur - zum Teil mit für damalige Zeiten „gewagten“ Themen. „In der Bottroper Hauptpost beäugte man Biby argwöhnisch - verdächtigte man ihn doch, Pornografie zu verbreiten“, so Ausstellungsmacher Steffen Stadthaus.

Die Ausstellung „Biby Wintjes-Papst des Under­ground Szene, Scene, Suppkultur“ eröffnet Freitag, 11. März um 19 Uhr. Zu sehen bis 10. April in der Kulturkirche, Scharnhölzstr. 37. Sa 12-15 & So 14-17 Uhr und nach Vereinbarung.
Freitag, 1. April sind der ehemalige WAZ-Kulturredakteur Werner Streletz, Schau­spie­ler Mar­tin Brett­schnei­der u. Song­wri­ter Zepp Ober­pi­ch­ler mit einem Biby-Wintjes-Programm zu Gast (19.30 Uhr).
Kulturkirche Heilig Kreuz, Scharnhölzstraße 37, 46236 Bottrop.