Bottroperin schenkt den Anrufern ein offenes Ohr und Trost

Seit 2011 schenkt die Bottroperin den Anrufern bei der Telefonseelsorge ein offenes Ohr und Trost.
Seit 2011 schenkt die Bottroperin den Anrufern bei der Telefonseelsorge ein offenes Ohr und Trost.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Bottroperin arbeitet seit 2011 bei der katholischen Telefonseelsorge Essen. Krankheit, Tod, Trennung und Armut sind dabei die großen Lebensthemen.

Bottrop..  Wenn die Bottroperin sagt, dass sie schon seit 2011 mitmacht bei der katholischen Telefonseelsorge in Essen, so zählt sie dort doch zu den „Küken“. Die meisten der rund 57 Ehrenamtlichen sind seit Jahren dabei, viele seit Jahrzehnten. Demnächst wird ein Mitarbeiter verabschiedet, der 22 Jahre lang fremden Menschen sein offenes Ohr und seine Zeit geschenkt hat. Und auch die Bottroperin will noch ganz lange weitermachen.

Wir nennen die 63-jährige hier Franziska Otto. Das ist nicht ihr richtiger Name, aber alle Mitarbeiter der Telefonseelsorge bleiben grundsätzlich anonym. Die ehemalige Lehrerin war auf der Suche nach einer „sinnstiftenden Tätigkeit“, als sie sich 2010 bei der Telefonseelsorge in Essen vorstellte und anschließend die einjährige Ausbildung durchlief. „Mir gefiel die Vorstellung, helfen zu können. Heute ist das ein ganz großer, wichtiger Teil in meinem Leben geworden“. Und sie erzählt auch: „Man wird auf eine Art demütiger, wenn man von Krankheit, Tod, Trennung und Armut hört.“

Denn das sind die großen Lebensthemen, die die meisten Menschen bei ihren Anrufen umtreiben. „Tagesgeschäft" nennt Franziska Otto das und schätzt, dass bis zu 80 Prozent der Anrufer psychisch krank sind, an Depressionen leiden oder sich in einer akuten Lebenskrise befinden. Sie hat lernen müssen, dass sie ihren Gesprächspartnern nicht praktisch helfen oder ihre Probleme lösen kann. Ihre Hilfe sind ihr offenes Ohr und ihre Wertschätzung: „Wir können nur zuhören, trösten und beraten.“ Ein Rat, der im besten Fall eine neue Sicht auf die Dinge eröffnet oder die Anrufer auf ihre „eigenen Kraftquellen“ verweist.

Viele traurige Schicksale

Viele Schicksale sind unendlich traurig. Sie handeln von Menschen, die bettlägerig sind oder unheilbar krank oder unter großen Ängsten leiden. Die einsam sind oder sich unverstanden fühlen und lange gewälzte Probleme mit vertrauten Personen nicht mehr besprechen können. „Manche brauchen einen als Schiedsrichter“, erzählt Franziska Otto. Andere haben schon „fertige Lösungen“ im Kopf, die sie nur noch mal durchsprechen wollen. Mit manchen kann man lachen: „Das ist total befreiend für alle.“ Es gibt auch jene, die über Suizid reden und fragen, wofür es sich eigentlich noch zu leben lohnt. Es gibt auch die, die sich mit Namen und Adresse vorstellen, ihren Suizid ankündigen, aber eigentlich gerettet werden wollen.

Vieles für sich selber lernen

Manche Dinge beschäftigen Franziska Otto noch nach dem Telefonat. Oft sind das grundsätzliche Lebens- oder Glaubensfragen: „Man lernt viel für sich selber“, erzählt sie. Die meisten Gespräche aber sind abgehakt, sobald sie ihr Protokoll darüber geschrieben hat. Würde sie das Leid der anderen mit nach Hause nehmen, würde sie übers Aufhören nachdenken.

Die Wahrheit aber ist: „Man bekommt eine ganze Menge zurück.“ Und schließlich sind ihr die regelmäßigen verpflichtenden Supervisionen, die Fortbildungen und der ständige Austausch mit ihren ehrenamtlichen Kollegen ganz wichtig. Und den beiden Hauptamtlichen zollt sie hohes Lob: „Die Ehrenamtlichen werden da wirklich auf Händen getragen.“

40 000 Anrufe kommen jedes Jahr

Einer, der die Ehrenamtlichen „auf Händen trägt“, ist Peter Heun, seit über 30 Jahren dabei. Er ist einer von zwei Hauptamtlichen der katholischen Telefonseelsorge Essen, dessen Träger seit 2008 die Caritas ist. Sie organisieren die Arbeit, wählen die Ehrenamtlichen aus, schulen und begleiten sie.

Die Freiwilligen hier brauchen ein „gutes Gleichgewicht“, erzählt Peter Heun, denn die Probleme mit denen sie konfrontiert werden, hätten ja immer etwas „mit der Rückseite des Lebens“ zu tun. Es gibt vier große Themen, die die Anrufer beschäftigen: Krankheiten, Ängste, Einsamkeit und familiäre Probleme. Bei 240 Gesprächen sei es 2014 auch um Suizid gegangen. 10 000 bis 11 000 Suizidtote gibt es im Jahr in Deutschland, die Dunkelziffer ist viel höher.

Für sechs Städte ist die katholische Telefonseelsorge in Essen zuständig, die sich in einem Haus mit der evangelischen befindet. Die Konfessionen spielen keine Rolle, überhaupt gibt es in der Bundesrepublik nur noch sechs konfessionelle Telefonseelsorgen. Die ersten wurden übrigens 1958/59 gegründet, die Stelle in Essen – 1961 gegründet – ist eine der ältesten.

Rund 19 700 Anrufe gingen hier dieses Jahr wegen einer neuen Telefontechnik mit bundesweiter Schaltung mehr ein. Pro Jahr sind es bei der katholischen Telefonseelsorgge in Essen zwischen 38 000 und 40 000 Anrufe. Knapp 11 000 Gespräche dauern länger, statistisch beträgt die Gesprächsdauer 20 Minuten.

Die Mitarbeiter erleben sich manchmal als beschenkt

Ein Gespräch beenden zu können, ist eine Kunst, die die Freiwilligen bei ihrer Ausbildung erlernen, eine andere die Gesprächsführung. Besprochen werden auch die Themenfelder, die die Anrufer bewegen, wichtig sind auch die Selbstwahrnehmung, der Blick ins eigene Innere, und das Telefon-Training.

Menschen, die sich für die Mitarbeit in der Telefonseelsorge bewerben, müssen sich erst vorstellen. Es sei eine gewisse Stabilität im Leben vonnöten, wenn man diese Aufgabe wahrnehmen wolle und auch Lebenserfahrung, meint Peter Heun. Manchmal setze man sich mit den Grundsatzfragen des Lebens auseinander, manches Gespräch hinterlasse Fragen an einen selber. Peter Heun: „Die Mitarbeiter erleben sich manchmal als beschenkt.“

Telefonseelsorge: Info und Bewerbung Tel. 0201-7474816 (AB)