Bottroper Familie hilft im „Jungle of Calais“

Silke Wedeking mit Tochter Rieke, Ehemann HB Schmitz, Schwager Stefan Schmitz (v.r.) und Familienhund Malti – „die kleinste Flüchtlingsorganisation der Welt“.
Silke Wedeking mit Tochter Rieke, Ehemann HB Schmitz, Schwager Stefan Schmitz (v.r.) und Familienhund Malti – „die kleinste Flüchtlingsorganisation der Welt“.
Foto: Michael Korte
Die „kleinste Hilfsorganisation der Welt“ unterstützt die Menschen im Lager. Bottroper wollen jetzt einen Verein gründen und Spenden sammeln.

Bottrop..  Es war Mitte 2014, als die Bottroperin Silke Wedeking zum ersten Mal von den großen Flüchtlingslagern in Dünkirchen und Calais hörte. Seit 43 Jahren fährt sie regelmäßig an die belgische Küste, an der Grenze zu Frankreich, um dort ihren Vater zu besuchen. Im letzten Sommer berichtete der 80-Jährige ihr von einem Besuch in einem der französischen Camps und wie schrecklich es dort ist. Sie fuhr selber hin, um sich ein Bild zu machen. Seither lässt sie der „Jungle of Calais“ nicht mehr los.

Sechs Mal war Silke Wedeking seitdem mit der Familie dort, Ende Januar fährt sie wieder hin, die „kleinste Flüchtlingsorganisation der Welt“. Aus vier Personen besteht sie: Silke Wedeking, Tochter Rieke (11), Ehemann Hans-Bernd – kurz „HB“ – Schmitz und seinem Bruder Stefan.

Die Menschen wollen nach England

Flämisch und Französisch spricht Silke Wedeking, die als Übergangsmanagerin in der Bottroper Jugendarrestanstalt arbeitet. Eine fröhliche und zupackende Frau, die auch anpacken musste, als sie zum ersten Mal im „Dschungelcamp“ war. Nur 40 Kilometer sind es von ihrem Vater aus bis Calais, etwa 25 bis nach Dünkirchen. 9000 bis 10 000 Menschen leben in den beiden Camps und warten nur auf eine Gelegenheit, nach England zu kommen.

Doch das gelingt nur wenigen. „Manche haben sogar versucht, zu schwimmen, die Küste scheint so nah“, erzählt Silke Wedeking. Die Lage ist hoffnungslos für die Flüchtlinge dort und ihre Versorgungslage katastrophal. Über Facebook hält die Bottroperin inzwischen Kontakt zu Helfern im Camp, die ihr mitteilen, was gebraucht wird, die die Sachen in Empfang nehmen und verteilen. Rezeptfreie Medikamente und Verbandsmaterial waren es beim letzten Mal, auch alte Handys. Die Familie organisiert Spenden in der Familie, bei Freunden und Kollegen. Im neuen Jahr will sie ihre Hilfe auf „richtige Füße stellen und einen Verein gründen: „Jungle of Calais“ wird der heißen.

Überlebenskampf in einem Slum mitten in Europa

„Bei unserem ersten Besuch im Jungle von Calais hatten wir unseren Combi mit Schlafsäcken, Zelten und Jacken vollgepackt. Wir sind mitten rein gefahren, haben den Kofferraum aufgemacht und die Sachen verteilt. Das war nicht ganz ungefährlich, da natürlich eine Menschenmasse auf uns zugeströmt kam, abgesehen davon, dass wir unter der Beobachtung der französischen und englischen Polizei standen, die Posten rund um das Camp bezogen haben.

Der „Jungle von Calais“: geschätzte 7000 Menschen leben derzeit dort unter katastrophalen Bedingungen, in einer Zeltstadt, dem Wetter gnadenlos ausgesetzt, Familien, Kinder, junge Männer. Sie versinken im Schlamm, im Dreck. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Sudan und anderen Ländern und warten dort auf den letzen Sprung ins Eldorado England. Sie versuchen täglich auf Lkw durch den Tunnel oder auf Fähren nach England zu kommen.

Es schaffen nur noch wenige: Die Zäune rund um die Auffahrten zum Tunnel La Manche und zu den Fähren werden immer höher, stehen schon in Zweierreihen. Nicht nur französische Polizei kontrolliert hier, sondern auch die Briten.

Die Stimmung wird immer aggressiver, der Winter macht das Leben im Camp zum Überlebenskampf. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Ein Slum mitten in Europa. Zur Zeit grassieren dort massiv Lungenentzündung, Durchfall und natürlich gibt es täglich Verletzte bei dem Versuch, auf einen Zug oder Lkw aufzuspringen.

An dem Tag der Anschläge in Paris brach ein Feuer im Camp aus, viele Menschen standen danach wieder vor dem Nichts. Das Wenige, was sie hatten, war weg.“

Es sind wunderbare Freundschaften entstanden

„Anfang Dezember war ich wieder dort. Im Gepäck nicht nur ein mulmiges Gefühl, gepaart mit dem Willen zu helfen, sondern auch Medikamente, Verbandszeug, Desinfektionsmittel. Ich weiß durch enge Kontakte zu den Hilfsorganisationen, dass die Menschen dort darauf warten.

Mittlerweile hat die Polizei Kontrollen eingerichtet, den Zugang zum Lager gesperrt. Oft ist die Autobahn dicht, die Zufahrten zum Hafen und den Tunnel sind dicht, da wird man erfinderisch. Menschenschmuggel ist ein lukratives Geschäft. Und je schwieriger den Menschen die Flucht durch den Tunnel gemacht wird, desto mehr floriert der Menschenschmuggel.

Über zehn Millionen Euro hat die britische Regierung schon locker gemacht, um die Zäune am Tunneleingang noch höher, den Stacheldrahtzaun noch unüberwindbarer zu machen. Calais erinnert an einen Hochsicherheitstrakt. Ein Fluchtversuch mag Anfang des Jahres noch gefährlich gewesen sein, jetzt ist er lebensgefährlich.

Durch unsere Hilfe im Camp, die sicherlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, haben sich aber wunderbare Freundschaften zu Migranten und anderen Helfern entwickelt. Meine Tochter Rieke hat nun eine englische Brieffreundin in ihrem Alter, mit der sie wöchentlich schreibt. Sie war übrigens auch schon mit, anfangs sehr ängstlich aber immer schwer beeindruckt von der Freundlichkeit und Dankbarkeit der Flüchtlinge im Camp.

Wir werden nicht aufhören zu helfen! Ich sage immer mit einem Lachen: „Wir sind die kleinste Hilfsorganisation der Welt! Eine Bottroper Familie.“