Bosnierin bringt Flüchtlingen in Bottrop Deutsch bei

Zwar kann sich Majda Horic mit vielen Flüchtlingen in ihrer Muttersprache unterhalten, aber „mit Händen und Füßen erklären hilft enorm“, sagt sie.Foto:Winfried Labus
Zwar kann sich Majda Horic mit vielen Flüchtlingen in ihrer Muttersprache unterhalten, aber „mit Händen und Füßen erklären hilft enorm“, sagt sie.Foto:Winfried Labus
Foto: Labus / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Majda Horic flüchtete einst selbst aus ihrem Heimatland – und unterrichtet heute Kinder mit ähnlichem Schicksal in einer internationalen Förderklasse

Ihren ersten Schultag in Bottrop wird Majda Horic nie vergessen. Der Klassenlehrer kam mit großen Augen zu ihr, holte eine Süßigkeit aus der Tasche und steckte sie vor ihr in den Mund. „Das ist ein Bon-Bon“, sagte er schmatzend. „Er dachte, ein Flüchtlingskind aus Bosnien wie ich hat so etwas noch nie gesehen“, erinnert sich Horic. Was gut gemeint war, hinterließ ein Gefühl der Ausgrenzung. Viele hätten ein falsches Bild von Flüchtlingen, findet sie. Oft würden sie zu sehr bemitleidet und unterschätzt.

Horic lernte selbstständig Deutsch

Deswegen unterrichtet Horic heute nebenberuflich eine internationale Förderklasse an der Hauptschule Welheim, eine Klasse nur für Flüchtlingskinder. Hier versucht die 31-Jährige genau zu erfahren, was jeder Schüler mitbringt und benötigt. „Wir setzten uns wirklich mit den Kindern auseinander.“ Meist sind drei Lehrer gleichzeitig vor Ort, alle mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen. Horic spricht Bosnisch, Serbisch, Kroatisch und Mazedonisch – und ist Ansprechpartnerin für die Kinder aus dem Kosovo oder Albanien.

Als Horic 1992 mit acht Jahren nach Bottrop kam, wurde sie direkt in eine Regelklasse gebracht. „Der Lehrer erklärte mir nicht mal, welche Umlaute es im deutschen Alphabet gibt.“ Deutsch musste sie sich selbst beibringen, nach der Schule paukte sie mit ihrer Familie. „Ich wollte die Sprache unbedingt schnell lernen“, sagt sie.

Fast am Ziel

Denn Horic hatte schon früh den Traum Lehrerin zu werden, wollte immer etwas aus sich machen. In der fünften Klasse konnte sie schon fließend Deutsch, schaffte es bis zum Realschulabschluss. Für das Studium reichte das nicht, in Deutschland sah Horic keine Perspektive für sich. Also kehrte sie 2000 zurück nach Bosnien, machte dort ihr Abitur und schloss ihr Diplom als Deutschlehrerin ab. Hovic schlug sich als Dolmetscherin durch – bis sie eine Zusage für ein Studium an der Uni Duisburg-Essen bekam.

Alles stand wieder auf Anfang. Horics Diplom wurde nicht anerkannt, sie musste wieder vom ersten Semester an beginnen. Trotzdem war sie froh zurück zu sein: Fast zeitgleich zur Zusage für das Studium kam ihr heute dreijähriger Sohn auf die Welt. „Hier in Deutschland hat er eine sichere Zukunft“, sagt sie.

Um ihrem Sohn als alleinerziehende Mutter etwas bieten zu können arbeitet Horic nicht nur an der Welheim-Schule, auch jobbt sie in einer Eisdiele. Während sie auf der Arbeit ist passen Mutter, Vater, Bruder oder Tante auf den Sohn auf – wer gerade Zeit hat. Beruflich erfüllt haben sich alle in Bottrop, und auch für Horic sind es nur noch wenige Semester bis zu ihrem Ziel.

Wie Majda Horic nach Bottrop kam

Ihre Lieblingspuppe und ein paar Wechselsachen – mehr hatte Majda Horic nicht dabei, als sie gemeinsam mit Mutter, Bruder und Tante aus ihrer Heimatstadt Donji Vakuf floh. Die Familie fasste den Entschluss wenige Wochen bevor der Krieg richtig losging. Die Spannungen zwischen Bosniaken und Serben hatten sich aber bereits so sehr verschärft, dass Autokolonnen aus Donji Vakuf herausfuhren. Horics Vater blieb zurück, kämpfte als ein wichtiger Offizier gegen die Serben. Die achtjährige Majda erfuhr davon zunächst nichts. „Man hatte uns Kindern erst erzählt, dass wir in den Urlaub nach Kroatien fahren.“

Von Kroatien ging es per Reisebus nach Deutschland, wo bereits ihre Großtante lebte. Ihr Kinderzimmer in Donji Vakuf musste Horic gegen ein „verschmutztes“ Mehrbettzimmer in einem Übergangsheim in Hamm eintauschen. „Wir Kinder haben überhaupt nicht verstanden, was passiert ist.“

Eine Woche nach der Ankunft in Hamm kam Horic ins Flüchtlingsheim nach Kirchhellen. Zwar gab es weniger Hilfsprojekte für Flüchtlinge als heute, aber die Freundlichkeit der Leute aus der Nachbarschaft war Medizin gegen das Heimweh. „Eine Frau hat uns zur Caritas gebracht und bei Behördengängen geholfen“, erinnert sich Horic. Das gibt sie heute zurück: Neben ihrem Studium und zwei Nebenjobs engagiert sich Horic ehrenamtlich für Flüchtlinge.