Ausstellung über den Bottroper Kulturrocker "Biby" Wintjes

Vorgespräch zur geplanten Ausstellung in der Kulturkirche: Heike Biskup (Stadtarchivarin), Steffen Stadthaus (Literaturwissenschaftler) und Werner Streletz ( Redakteur und Autor).
Vorgespräch zur geplanten Ausstellung in der Kulturkirche: Heike Biskup (Stadtarchivarin), Steffen Stadthaus (Literaturwissenschaftler) und Werner Streletz ( Redakteur und Autor).
Foto: Michael Korte
Ein Berliner Literaturwissenschaftler und ein Bochumer Redakteur erarbeiten eine Ausstellung. Anlass ist der 20. Todestag des Anarcho-Papstes.

Bottrop.. Er galt und gilt bei vielen noch heute als Anarcho-Papst, Neckermann der Subkultur oder einfach als eine schillernde Figur der Gegenkultur der späten 60er bis 80er Jahre. Immerhin: Der Bottroper Josef „Biby“ Wintjes - er kam eigenartigerweise nie aus seiner Heimatstadt hinaus, wollte das vielleicht auch gar nicht - ist im Archiv angekommen. Nicht irgendwo. Der Nachlass des einstigen Bottroper Kulturrockers liegt in der Berliner Humboldt-Universität, bezeichnenderweise bei den Ethnologen.

Dort forschen nicht nur der Autor und frühere WAZ-Kulturredakteur Werner Streletz, selbst gebürtiger Bottroper, sonder auch der Literaturwissenschaftler Steffen Stadthaus über Leben und Werk von Biby Wintjes. „Wir wollen nicht, dass Biby irgendwann einmal vergessen ist oder nur noch als Archivmaterial verstaubt“, sagt Werner Streletz. So war er, der Biby Wintjes natürlich persönlich erlebte und über ihn forscht, sogleich mit im Boot, als Steffen Stadthaus und Dirk Helmke, Vorsitzender des Fördervereins der Kulturkirche Heilig Kreuz, von ihrem Plan für eine Ausstellung über Biby Wintjes berichteten.

Biby war so etwas wie die Schaltstelle der Szene

Anlass ist der 20. Todestag des Herausgebers der in Bottrop gemachten Zeitschriften „Ulcus Molle Info“ und „Impressum“, die es in den 70er Jahren immerhin auf mehrere Tausend Abonnenten brachten. Biby war so etwas wie die Schaltstelle der Szene (mit dem Treffpunkt im Kolpinghaus!), die sich seit 1968 mit Phänomenen wie Kommunenbewegung, Frauenbewegung, aber auch Mystik und Anarchie auseinandersetzte. Themen, die damals sonst nur wenig Chancen hatten, an die Öffentlichkeit zu gelangen.

„Biby war mit seinen Publikationen und seiner großen Sammlung von Veröffentlichungen eine Art analoger Computer, bei dem die Szene einst für sie wesentliche Informationen abrief“, sagt Stadthaus. Die sind zum Glück nicht verschollen oder - wie manche schon befürchteten - nach Bibys Tod 1995 in alle Winde verstreut worden, sondern lagern erschlossen in 18 Regalmetern in Berlin und sind natürlich für Forschungszwecke zugänglich.

Zeitgenössische Ruhrgebietsliteratur im Blick

„Biby Wintjes war von Bottrop aus eine Art Zentralfigur der so genannten Gegenkultur, zu der sich in den 70er und 80er Jahren immerhin etwa 700 000 Leute in der alten BRD zugehörig fühlten“, so Steffen Stadthaus. Der 39-jährige gebürtige Gelsenkirchener, nun Wahl-Berliner, der das Revier aber immer noch regelmäßig besucht, setzt sich dabei nicht nur mit der Figur Biby Wintjes auseinander, sondern hat auch die zeitgenössische Ruhrgebietsliteratur stets im Blick.

Beachtung in der Heimatstadt

Der Kontakt zur Kulturkirche Heilig Kreuz und Dirk Helmke entstand über Arndt Beck, der kürzlich die erste große Ausstellung mit Arbeiten des Bottroper Künstlers Helmut J. Psotta konzipierte, die auch in Heilig Kreuz zu sehen war.

So scheint sich das denkmalgeschützte Gotteshaus mehr und mehr zu einem Ort zu entwickeln, der Bottroper Künstlern ein Forum bietet, die sonst eher außerhalb als in ihrer Heimatstadt Beachtung finden.

Eine Schau zum Anfassen

Im Frühjahr kommenden Jahres soll die Ausstellung über den Bottroper Schriftsteller und Herausgeber der einstigen Kult-Zeitschriften „Ulcus Molle Info“ und „Impressum“ für anderthalb Monate in der Kulturkirche Heilig Kreuz zu sehen sein. Dessen Todestag jährt sich im September zum 20. Mal.

Nach der Schau mit Arbeiten des ebenfalls aus Bottrop stammenden Helmut J. Psotta wird die Erinnerung an den legendären „Kulturrocker“ die zweite Ausstellung sein, die in ihrer Heimatstadt an fast vergessene Söhne - vielleicht demnächst auch Töchter - der Stadt erinnert.

Der Berliner Literaturwissenschaftler Steffen Stadthaus und der frühere WAZ-Kulturredakteur Werner Streletz wollen - auch mit Hilfe von Stadtarchivarin Heike Biskup - das Leben von Biby Wintjes und sein Wirken für die einstmals große Szene der Gegen- oder Alternativkultur von Bottrop aus zeigen.

Dabei solle auch die Bottroper Situation der damaligen Zeit und die Bedeutung von Wintjes’ Zeitschrift sowie sein Vertrieb von Büchern der Szene aus aller Welt für die damaligen „Anarchos“ sichtbar gemacht werden, so Stadthaus. Das Stadtarchiv, das u.a. Exemplare der von Wintjes herausgegebenen Zeitschriften hütet, wird bei der Präsentation der lokalen Rezeption mitarbeiten. Streletz und vor allem Stadthaus lassen ihre Forschungsergebnisse, die sie vor allem im Archiv der Berliner Humboldt-Uni erarbeiteten, einfließen.

Man plant sogar, eine Art Wintjes-Arbeitszimmer einzurichten, wo die Besucher beim Blättern in Büchern und Zeitschriften die damalige Zeit und Geisteshaltung unmittelbar nachvollziehen können. Material gebe es in Fülle, so Stadthaus.

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